Zank und Streit um klingende Münze

SONDERBERICHT: Die hessische Grafschaft Schaumburg als Sonderwährungsgebiet / Münzordnungen häufig missachtet
Samstag, 14 Januar, 2012
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Schaumburg

Von Wilhelm Gerntrup
Der ärgste Fluch des Menschen ist das Geld“, wusste der griechische Philosoph Sophokles schon vor zweieinhalbtausend Jahren. Die Erkenntnis des weisen Dichters und Denkers scheint derzeit aktueller und gültiger denn je zu sein. „Eurorettungsschirm“, „Staatsschulden“ und „Finanztransaktionssteuer“ bereiten vielen Zeitgenossen schlaflose Nächte.

Noch mehr als heute mussten sich die früher hierzulande lebenden Leute mit Geldturbulenzen herumschlagen. Besonders gebeutelt waren die Einwohner der seit 1647 hessischen Grafschaft Schaumburg. Sie hätten mehr als 200 Jahre lang in einem „Sonderwährungsgebiet“ gelebt, heißt es in einem Beitrag des Historikers Niklot Klüßendorf (siehe Quellenhinweis). Ursache seien – damals wie heute – politische Ränkespiele, Geldgier und ein ungezügeltes Finanzwirtschaftssystem gewesen.

Zum Verständnis der damaligen Zustände hilft ein Blick in die Geschichtsbücher: Bis Mitte des 14. Jahrhunderts hatten in Deutschland nur Kaiser und Könige Münzen herstellen dürfen (Papiergeld gab es noch nicht). Dann wurde das „Münzregal“ auch den meisten fürstlichen Landesherren zugestanden.

Die Lizenz zum Prägen war ein äußerst einträgliches Geschäft. In immer schnellerer Folge kamen immer mehr neue und immer mehr minderwertige (mit zu wenig Edelmetallanteilen hergestellte) Geldstücke auf den Markt. 1566 versuchte der Reichstag, die unheilvolle Entwicklung durch Einführung einer deutschlandweit geltenden Leitwährung („Reichstaler“) zu stoppen. Doch die Weisung, alle anderen Münzen wertmäßig an der 29,23 Gramm schweren, nahezu hundertprozentigen Silberprägung auszurichten, blieb ebenso unbeachtet wie die meisten anderen „Münz-Ordnungen“.

„Wenn man gute Münzen schläget,
Werden sie gleich umgepräget,
Und so kann man jedesmahlen,
Schlacken statt des Silbers zahlen“,
lautete ein zeitgenössischer Spruch.

Die Untertanen waren dem Ganzen hilflos ausgeliefert. Kaum einer konnte rechnen. Nicht wenige glaubten an das grausame Wirken eines „Geldteufels“.

Besonders schlimm bekamen das Geldchaos die bei der Teilung des alten Schaumburger Territoriums an Hessen gefallenen Einwohner zu spüren. Vorher war das Kaufen und Bezahlen relativ einfach und übersichtlich gewesen. Als gebräuchlichste Geldstücke zwischen Rinteln und Steinhude waren – neben dem Reichstaler – „Mariengroschen“ und „Pfennig“ in Umlauf. Ihren Kurswert kannte jedes Kind: 36 Mariengroschen waren ein Reichstaler, 8 Pfennige ein Mariengroschen.

Für die Leute in Bückeburg, Stadthagen und Steinhude blieb nach 1647 alles beim Alten. Im neuen Teilstaat Schaumburg-Lippe vertraute man weiter auf Mariengroschen und Pfennig. Ganz anders sah es im Zuständigkeitsbereich der neuerdings hessischen Verwaltungszentrale Rinteln aus. Nach einer relativ kurzen Übergangsfrist ordnete die Regierung in Kassel die Einführung der eigenen, kurhessischen Landeswährung an. Deren wichtigste Zahlungseinheiten waren „Albus“ und „Heller“. Das Verhältnis des Albus zum Reichstaler war 1 zu 32. Anders gesagt: Ein Taler hatte den Wert von 32 Albus, ein Albus den Wert von 12 Hellern.

Für die Schaumburger Neuhessen begann eine komplizierte Zeit. Mit Zahlen kannte sich kaum einer aus. Einen Taschenrechner, mit dem man die Währungen und den exakten Umrechnungswert hätte feststellen können, gab es noch nicht. Die Folge: Das Gros der in der Grafschaft anfallenden Geschäfte wurde, wie bisher, in Mariengroschen und Pfennigen abgewickelt. Versuche der Kasseler Behörden, den Untertanen im fernen Wesertal den Umgang mit Albus und Heller schmackhaft zu machen, waren zum Scheitern verurteilt.

Nach einigem Hin und Her kamen Hessen und Schaumburg-Lippe überein, ein komplett neues, im ganzen Schaumburger Land gültiges Kleingeld zu prägen. Das Ergebnis waren Kupfer- und Silber-Pfennige. Darüber hinaus wurde eine Neuausgabe des Mariengroschens aufgelegt. Mit der erhofften Harmonisierung wurde es jedoch nichts. Im Gegenteil. Zwischen Bückeburg und Kassel kam es zum Dauerstreit. 1680 sei die Zusammenarbeit ganz eingestellt worden, hat Historiker Klüßendorf herausgefunden. Daraufhin habe Hessen „seine Grafschaft dem freien Spiel der Währungskräfte überlassen“.

Die Folge waren nicht enden wollende Geldturbulenzen. Erst ein knappes Jahrhundert später wurde von Kassel aus ein neuer Anlauf zur Beseitigung des Chaos unternommen. Ab 1769 ließ die hessische Münzverwaltung wieder „eigenes“, mit dem Nesselblatt-Wappen kenntlich gemachtes „Grafschafts-Kleingeld“ prägen. Die Verhältnisse begannen, sich zu normalisieren. Eine finanztechnische „Wiedervereinigung“ von Schaumburg Lippe und der Grafschaft Schaumburg kam jedoch erst mit der Reichsgründung und der Einführung der Reichsmark im Jahre 1871 zustande.