Woher kommt das Nesselblatt?

SONDERBERICHT Die enge Wappenverwandtschaft zwischen Schaumburg und Schleswig-Holstein ist kein Zufall
Samstag, 23 Juli, 2011
erschienen in: 
Schaumburger Nachrichten

Schaumburg

Von Wilhelm Gerntrup
Wappen gehören seit jeher zu den beliebtesten Statussymbolen. Landesherren und traditionsreiche Adelsgeschlechter führen vorzugsweise Adler, Löwen, Türme, Zinnen und andere, Macht, Mut und Entschlossenheit demonstrierende Erkennungszeichen im Schilde. Schon die alten Rittersleute hofften, dem Gegner mit einem „starken“ Emblem Angst und Schrecken einzujagen (s. kleine Wappenkunde“)

Umso erstaunlicher ist es, dass die hierzulande dominierenden Herren von der Schaumburg mit einem vergleichsweise schlichten und „nichtssagenden“ Erkennungszeichen daherkamen. Ihr Logo war bekanntlich ein abstraktes, als „Nesselblatt“ bekannt gewordenes Zackengebilde. Für einen großen Teil der Heraldiker (Wappenkundler) gibt es eine logische Erklärung.

Danach war die kegelförmige Anhöhe, auf der die Dynastie vor mehr als 900 Jahren ihre Stammburg errichtete, einst in auffälliger Weise von (Brenn-) Nesseln bewachsen. Was habe da für die ritterlichen Bauherren näher gelegen, als die charakteristische und zudem mit ihren Brennhaaren Abwehrbereitschaft signalisierende „Rühr mich nicht an“-Pflanze zum persönlichen Markenzeichen zu machen? Nicht umsonst werde die Erhebung zwischen Rinteln und Hessisch Oldendorf bis auf den heutigen Tag „Nesselberg“ („Nettelnberg“) genannt.

Nicht überall und bei allen kommt die populäre Brennnessel-Saga gut an. Das Emblem sei kein stilisiertes Abbild, sondern gebe die ursprüngliche Schildform der Herren von der Schaumburg wieder, ist in etlichen Expertenbeiträgen zu lesen. Der Schild habe anfangs ein sternförmiges Aussehen gehabt, was damals keine Seltenheit gewesen sei. Erst später sei man auf die „klassische“, abgerundete Form umgestiegen und habe die bis dato verwendete „gezackte“ Platte als Zierrat oben drauf genagelt. Das heute als „Nesselblatt“ bekannte Gebilde stelle deshalb „nur“ eine dekorative Auflockerung des Wappenschildrandes dar. Auch der Name Nesselberg habe nichts mit einer auffälligen Häufung von Brennnesselpflanzen zu tun, sondern sei erst aufgrund des immer populäreren Wappenzeichens entstanden.

Wie dem auch sei – fest steht, dass das zackige Emblem, anders als viele andere der einst bedeutsamen deutschen Hoheitszeichen, eine ganz außergewöhnliche Karriere hingelegt hat. Es ist heute nicht nur im amtlichen Erkennungsschild des Kreises Schaumburg und in zahlreichen anderen heimischen Stadt- und Gemeindeinsignien zu finden, sondern prägt in besonderer Weise auch die Wappenlandschaft im fernen Schleswig-Holstein. Historischer Hintergrund: Im Jahre 1110 waren die Schaumburger vom damaligen Sachenherzog und designierten deutschen Kaiser Lothar von Süpplingenburg mit der Sicherung und Verwaltung der Grafschaften Holstein und Stormarn (Gebiet nordöstlich von Hamburg) betraut worden. Sie führten Kriege, gründeten Städte und mauserten sich während des fast 350 Jahre andauernden Engagements zu einer mächtigen und angesehenen Herrscherdynastie.

Das erfolgreiche Wirken schlug sich auch in puncto Beliebtheit des Nesselblatts nieder. Das Emblem wurde zum vorherrschenden Wappenmotiv des hohen deutschen Nordens. Es ist nicht nur im amtlichen Schild des Bundeslandes Schleswig-Holstein, sondern – in unterschiedlichsten Formen und Farben – auch in ungezählten Kreis-, Stadt- und Gemeindewappen verewigt, so unter anderem als Leit-Logo der Landesmetropole Kiel.

Die große Präsenz des gezackten Hoheitszeichens hat dazu geführt, dass etliche der zwischen Nord- und Ostsee beheimateten Fachleute die Meinung vertreten, das Nesselblatt sei nicht an der niedersächsischen Weser, sondern an den Ufern der schleswig-holsteinischen Eider „erfunden“ worden.

Das scheint, zumindest vordergründig betrachtet, nicht ganz aus der Luft gegriffen zu sein. So wusste der Mindener Dominikanermönch und Chronist Hermann von Lerbecke Anfang des 15. Jahrhunderts zu berichten, dass die edlen Herren von der Schaumburg bis zu ihrer Berufung an die dänische Grenze einen blauen Löwen im Wappen geführt, das Tier jedoch auf kaiserliches Geheiß im Zuge der Übertragung der Grafschaften Holstein und Stormarn hätten weggeben beziehungsweise austauschen müssen. Wie und woher der Mönch die bereits 300 Jahre zurückliegende Geschichte erfahren hatte, ist unbekannt.

Schriftliche Belege gibt es nicht. Hermanns Aussage ist deshalb genauso mit Vorsicht zu genießen wie viele andere der später in großer Zahl veröffentlichten wappenkundlichen Berichte.

Foto:
Wer sich ein Bild von Form, Aussehen und Entwicklung des Nesselblatt-Emblems machen möchte, dem sei ein Besuch in Stadthagen (Schloss), Jetenburg (Kapelle) und auf der Schaumburg empfohlen. Hier das über dem Torweg des Westflügels im Stadthäger Schloss eingemauerte, vermutlich aus dem 13. Jahrhundert stammende Steinrelief mit dem mittelalterlichen Wappenschild (unten) samt Helm (-zier).