Welch ein großer Lebensgenuss!

SONDERBERICHT Hofmedicus Dr. Faust ließ die erste Schaumburger Badeanstalt vor 200 Jahren in Bückeburg entstehen
Samstag, 11 August, 2012
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Schaumburg

Von Wilhelm Gerntrup
Sommerzeit ist Badezeit. Den Schaumburgern bieten sich jede Menge Möglichkeiten. Das war nicht immer so. Bis vor hundert Jahren war das Angebot äußerst begrenzt. Erlebnisbäder, Kiesteiche und Mittellandkanal gab es noch nicht. Halbwegs gute Möglichkeiten zum Abkühlen boten nur Flüsse, Bäche und frei zugängliche Stadt- und Mühlengräben. Das Steinhuder Meer lag viel zu weit weg. Herrschaftliche Fischteiche waren tabu. Bis zum Hals eintauchen konnte man nur in der Weser. Ansonsten ließen sich größere Körperteile nur in Aue(n), Exter, Gehle und anderen tieferen Bächen versenken. Das Vergnügen an diesen Stellen war jedoch meist sehr getrübt. Die Plätze waren auch als Suhle und Tränke bei Kühen, Pferden und Schweinen beliebt.

Ob, wo und wie sich die Leute hierzulande in früheren Jahrhunderten abkühlten, ist nicht überliefert. Nach Aussage der Volkskundler ging es bis zur Reformation (1559) ziemlich locker und ungezwungen zu. Danach soll es eine deutliche Verschärfung der Badesitten gegeben haben. Die Erkenntnis, dass Bewegung im Wasser gesund sei und Körper und Seele gut tue, sprach sich erst vor gut 200 Jahren herum. Großen Anteil daran hatte „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852). Zu dessen eifrigsten heimischen Anhängern gehörte der Bückeburger Hofarzt Dr. Bernhard Christoph Faust. Der von 1788 bis 1841 für die Fürstin Juliane und danach deren Sohn Georg Wilhelm tätige Mediziner darf als bislang erfolgreichster Förderer von Sport und Gesundheitsfürsorge hierzulande gelten. Seine größte Leistung war die Durchsetzung der Impfpflicht gegen die Massenseuche Pocken. Das rettete Zehntausenden das Leben. Darüber machte Faust den Bau der ersten drei heimischen Turnplätze in Bückeburg, Minden und Rinteln klar. Und als dritte Pioniertat ist die Einrichtung der ersten Schaumburger Badeanstalt in die Geschichtsbücher eingegangen. Sie wurde 1812, also vor exakt 200 Jahren, in den Bückeburger Hofwiesen angelegt.

Seine zu damaliger Zeit revolutionären Bade-Vorstellungen hatte der Hofmedikus schon in einem 1792 verfassten „Gesundheits-Katechismus zum Gebrauche in den Schulen und beym häuslichen Unterrichte“ zu Papier gebracht: „Ist das Waschen und das Baden über den ganzen Körper gut? Ja, es ist sehr gut; es macht rein, gesund, stark und leicht und verhütet Flüsse, Gliederreißen, Gicht, Krätze und viele Krankheiten“, ist in dem Frage-Antwort-Lehrbuch zu lesen. Solche Thesen kamen auch beim Dienstherrn Georg Wilhelm gut an. Nach einigem Zögern stimmte der Schlossherr der Umgestaltung und Herrichtung eines Hofwiesen-Teichs zur Badeanstalt zu. Das kleine Gewässer lag nur ein paar Hundert Schritte vom Schloss entfernt. Fürs Aus- und Anziehen wurden drei Schilfhütten aufgestellt. Im Jahre 1812 ging es los. Der Zulauf war enorm. Nach Fausts Aufschreibungen suchten jährlich zwischen 3000 und 4000 Männer, Frauen und Kinder das neue „Sommerbad“ auf.

„Das Baden an sich, bei großer Luftwärme und dürstender Haut, in dem tragenden, kühlenden spielenden Wasser – welch ein eigener, ein großer, lebendiger Lebensgenuß ist das!“ schwärmte Faust „Es wäre wohl ein sehr gutes Gesetz, daß die Schulkinder von Anfang Mai bis Ende September wöchentlich einige Male unter der Aufsicht des Schullehrers ordentlich badeten“. Gesagt, getan. Fortan wurde auch Schwimmunterricht erteilt. Leiter der Kurse war ein Gymnasialturnlehrer namens Steinke. Der Pädagoge habe „in der großen Königlichen Schwimmschule in Berlin das Schwimmen gründlich erlernt“, heißt es in den im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Akten.

Das lärmerfüllte Treiben vor seinen Kemenaten scheint dem ansonsten sehr auf das Wohl seiner Untertanen bedachten Schlossherrn mehr und mehr auf die Nerven gegangen zu sein. Zehn Jahre nach ihrer Gründung wurde die Badeanstalt (samt Schwimmschule) circa tausend Meter weiter nördlich an den Stauteich einer Ölmühle ans Schlossbachufer verlegt. Die Mühle lag am auf dem Gelände des heutigen reformierten Friedhofs.

Auch sonst kam der Anfang des 19. Jahrhunderts deutschlandweit entfachte Bewegungsdrang zunehmend zum Erliegen. Während der wilhelminischen Kaiserära und mehr noch in der NS-Zeit wurde der Sport auch und vor allem als Mittel zur „Züchtung“ wehrfähiger Untertanen betrachtet. Das wirkte sich auch in puncto Badegewohnheiten und Badesitten aus. An den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neu in Betrieb genommenen Badestellen in Rinteln (am Weserufer) und Stadthagen (im Schlossgraben) herrschten strenge Benimm- und Kleidervorschriften. Männer und Frauen mussten zu getrennten Zeiten ins Wasser gehen. Nackte Frauenbeine galten als Skandal.

Freier und lockerer ging es erst wieder während der Weimarer Republik und nach 1945 zu. In den 1920er Jahren wurden die bisherigen städtischen Fluss-Badeanstalten in höhere (Ufer-) Zonen verlegt - so unter anderem in Rinteln (1926), Bückeburg (1927) und Stadthagen (1931). Auch in einigen, mit ausreichend Bachwasser gesegneten heimischen Dörfern wurden neue Badeanlagen errichtet – ein Trend, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die jüngste Vergangenheit hinein fortsetzte.

Bei genauem Hinsehen kann man am linken Bildrand die vor 200 Jahren im Bereich der Bückeburger Hofwiesen angelegte, mit Schilfhütten ausgestattete Badeanstalt erkennen (Kupferstich des Hofmalers Anton Wilhelm Strack).