Von Widerständlern und Überläufern

SONDERBERICHT: Politposse, Kraftmeierei oder Akt verbrecherischer Willkür - der "Hesseneinfall" in Schaumburg-Lippe vor 225 Jahren
Samstag, 3 März, 2012
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Schaumburg

Von Wilhelm Gerntrup
Vor 225 Jahren ging es um diese Jahreszeit in Schaumburg hoch her. Am 15. Februar 1787 waren hessische Truppen von Rinteln aus ohne Vorwarnung in Schaumburg-Lippe und in dessen Residenzstadt Bückeburg eingerückt.

Den Befehl zu der handstreichartigen Attacke hatte der in Kassel residierende Landgraf Wilhelm IX. (1743-1821) gegeben. Der als rabiat und machtbewusst geltende Potentat wollte den kleinen Nachbarstaat schnell und möglichst ohne großes Aufheben „einkassieren“. Das Recht dazu leitete er aus seiner Rolle als „Oberlehnsherr“ des kleinen Landes ab.

Hintergrund: 140 Jahre zuvor war es nach dem Aussterben der alten schaumburger Grafendynastie zu einem heftigen Gerangel um deren Erblande gekommen. Als Hauptgewinner der 1647 zwischen den Anrainerstaaten und anspruchsberechtigten Verwandten erzielten Einigung durften sich die Landgrafen zu Hessen-Kassel fühlen. Sie bekamen nicht nur die Gegend südlich des Wesergebirges rund um Rinteln als Eigenbesitz, sondern wurden darüber hinaus als „Lehnsherren“ des den Grafen zu Lippe-Alverdissen überlassenen und deshalb „Grafschaft Schaumburg lippischen Anteils“ genannten Nordteils bestätigt. Ein Lehnsherr war nach damaligem Rechtsverständnis eine Art „Schutzpatron mit Erbanspruch“. Anders gesagt: Hessen durfte den Bückeburgern zwar nicht ins politische Tagesgeschäft reinreden, konnten aber sofort zugreifen, wenn diese auf die Regierungsgewalt verzichteten oder ausstarben.

Kein Wunder, dass man diese Situation in Kassel unverhohlen herbeisehnte. Versuche, die schaumburg-lippischen Landesherren durch Drohung, Erpressung und/oder Bestechung zur Aufgabe zu bewegen, schlugen fehl. Auch ein 1728 mit 300 Soldaten gestarteter „Interventionsversuch“ musste auf Druck mehrerer Reichsfürsten abgebrochen werden. Umso größere Hoffnung keimte auf, als Berichte über den sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand des in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts amtierenden Bückeburger Schlossherrn Philipp Ernst die Runde machten. Der alternde Graf stand nach dem Tod von Ehefrau und zwei Söhnen ohne Nachfolger da. Doch dann passierte etwas – aus Kasselaner Sicht – Unerhörtes. Der 57-Jährige ging kurz entschlossen eine neue Ehe ein. Seine Auserwählte war eine kluge, erst 19 Jahre alte Prinzessin namens Juliane aus dem Hause Hessen-Philippsthal. Als Philipp Ernst am 13. Februar 1787 das Zeitliche segnete, war ein neuer Erbprinz da.

Landgraf Wilhelm hatte die Entwicklung zunehmend wütend mit ansehen müssen. Insidern war klar, dass er nicht tatenlos zusehen würde. Um dem geplanten gewaltsamen Eingreifen einen legalen Anstrich zu verleihen, ließ er das Lehnsabkommen neu interpretieren. Der Fortbestand der schaumburg-lippischen Dynastie könne nur durch volljährige und thronberechtigte männliche Erben gewährleistet werden, ließ er mit Blick auf den zweijährigen Nachgeborenen verbreiten. Darüber hinaus war man in Kassel davon überzeugt, dass Juliane keine großen Schwierigkeiten machen und auch die Anrainermächte Preußen und Hannover stillhalten würden. Unmittelbar nach dem Ableben Philipp Ernsts, noch vor dessen Beisetzung, erfolgte der Einmarschbefehl.

Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Schaumburg-Lippe überlebte. Anders als von Wilhelm erhofft, gab Juliane nicht klein bei. Selbst intensive „Überredungsversuche“ und Beschwichtigungsangebote (üppige Abfindung, hohe Pensionsleistungen usw.) ließen die junge Frau und Mutter nicht schwach werden. Im Gegenteil: Mit Unterstützung der Großmacht Preußen und des Kaisers wurde Hessen-Kassel zurückgepfiffen und vom Reichsgericht wegen Landfriedensbruch zum sofortigen Rückzug und zu 55 Tausend Taler Schadenersatz verurteilt. Am 19. April, acht Wochen nach dem Einmarsch, zogen sich die Besatzungssoldaten in ihr Stammland zurück.

Dabei hatte das Ganze zunächst nach einem „Blitzerfolg“ ausgesehen. Der gut 2800 Mann starke, über den Steinberger Wesergebirgspass einrückende Invasionstrupp traf bereits nach wenigen Stunden auf dem Bückeburger Schlosshof ein. Die 430 waffenfähigen Männer Julianes hatten erst gar nicht versucht, der aus Kavallerie, Artillerie und mehreren Infanterieregimentern zusammengesetzten Übermacht Paroli zu bieten. Mit Ausnahme von einigen zerrissenen weiß-rot-blauen Fahnen gab es keinerlei Sach- und/oder Personenschäden. Der einzige Fleck, den die Angreifer nicht auf Anhieb in Beschlag nehmen konnten, war die kleine Inselfestung Wilhelmstein im Steinhuder Meer. Die 40-köpfige Festungsmannschaft hatte alle am Seeufer liegenden Boote zur Insel geholt. Zur Erstürmung vom Festland reichte die Feuerkraft der Kanonen nicht aus. Auch Aushungern klappte nicht. Die mit den Örtlichkeiten bestens vertrauten Insulaner setzten bei Dunkelheit unbemerkt zur Proviantaufnahme auf unbewachte Küstenzonen über.

Mit dem Widerstandswillen und der Standfestigkeit der anderen schaumburg-lippischen Untertanen war es nicht so gut bestellt. Regierungsbeamte und Kirchenobere liefen sofort und mit fliegenden Fahnen ins hessische Lager über. Und den kleinen Leuten auf dem Lande war das Machtgerangel ohnehin egal. Steuern und Abgaben wurden überall und von allen Landesherren mit der gleichen Härte und Rücksichtslosigkeit eingetrieben. Da spielte es für die meisten keine große Rolle, wer sie ausnahm und unter wessen Kommando sie totgeschossen wurden.

Quellenhinweis:
Wer tiefer in Vorgeschichte, Begleitumstände und Folgen der komplizierten Beziehung zwischen Hessen und Schaumburg-Lippe und die Geschehnisse vor 225 Jahren einsteigen will, dem sei die thematische Aufarbeitung durch den Historiker Dr. Martin Fimpel empfohlen (abgedruckt in dem 2002 erschienenen Band 61 der „Schaumburger Studien“; Buchtitel „Schaumburg und die Welt, zu Schaumburgs auswärtigen Beziehungen in der Geschichte, ISBN 978-3-89534-411-4).