Von vielen Legenden umwobene Burg

SONDERBERICHT: Einst kulturhistorisches Vorzeigeobjekt - heute Ramschimobilie: Die Arensburg steht vor einer ungewissen Zukunft
Samstag, 25 Februar, 2012
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Steinbergen

Von Wilhelm Gerntrup
Was wird aus der Arensburg? Nach jüngsten Presseberichten steht der als historische 1A-Immobilie geltenden Anlage eine ungewisse Zukunft bevor. Der derzeitige Eigentümer Heinrich Gruber will das Anwesen so schnell wie möglich loswerden. Auf einem absonderlich anmutenden Angebotsschild im Zugangsbereich ist von „Notverkauf“ die Rede. Als Interessenten sind neben „Otto-Normalverbraucher“ auch „Islamisten, Rechte, Rocker, Sekten und Rotlicht“ willkommen. Eines der bedeutsamsten heimischen Gemäuer scheint am Ende. Auch der als „Naturdenkmal“ ausgewiesene und von Gesetzes wegen gegen „Zerstörung, Beschädigung, Veränderung oder nachhaltigen Störung“ zu schützende Park ist vom endgültigen Niedergang bedroht. Politik und Kreisverwaltung sehen der Entwicklung mehr oder weniger tatenlos-ohnmächtig zu.

Die Anfänge der Arensburg (= „Adlerburg“) liegen noch weitgehend im Dunkeln. Wegen der besonderen strategischen Bedeutung dürften schon die in grauer Vorzeit hierzulande lebenden Machthaber nichts unversucht gelassen haben, um den für Heer- und Handelsleute nutzbaren Passübergang durchs Wesergebirge zu kontrollieren. Im 13. Jahrhundert stand auf dem 150 Meter hohen Felskegel zwischen Messingsberg und Hirschkuppe ein steinerner Wachturm. Als Bauherren gelten die damals aus dem Wesertal in Richtung Norden vordringenden Herren von der Schaumburg. Sicher ist, dass sie die Bastion im Laufe der folgenden Jahrhunderte zu einer Wohnfestung ausgestalteten.

Um Burg und Burgbewohner ranken sich zahlreiche Legenden und Geschichten. So soll dort einst ein Raubritter namens „Arens“ gehaust haben. Als Namenspatron der in alten Unterlagen als „Arnsborch“ bezeichneten Anlage kommt er nach Meinung von Fachleuten allerdings nicht in Frage. Sie sehen eine Verbindung zu den „Edlen von Arnheim“ – einem Adelsgeschlecht, das vor dem Vordringen der Schaumburger das Gebiet nördlich der Wesergebirgskette beherrschte.

Ein weiterer bemerkenswerter Burgbewohner war der Grafenspross Hermann. Hermann war der älteste Sohn und damit designierter Thronfolger des von 1544 bis 1576 amtierenden und für die Reformation hierzulande verantwortlichen schaumburger Landesherrn Otto IV., kam jedoch nach dessen Ableben nicht zum Zuge. Stattdessen wurde er wegen seiner angeblich katholischen Gesinnung auf den Bischofsthron im benachbarten Minden abgeschoben. Doch auch hier sorgte Hermann wegen seines wilden und ausschweifenden Lebensstils zunehmend für Ärger. Ein vom Papst an die Weser geschickter „Visitator“ stellte einen „Abgrund an Trunkenheit und anderen Lastern“ fest. Nach einigem Hin und Her legte Hermann sein geistliches Amt nieder und zog sich mit seiner Lieblingsgespielin, einem Mädchen vom Lande, auf die Arensburg zurück. Er wurde nach seinem Tode (1592) im Kloster Möllenbeck beigesetzt.

Zu den Besonderheiten der Burggeschichte gehört auch das gewaltsame Ende eines dort angestellten Oberförsters. Ihm wurde – wegen eines vermeintlichen Jagdfrevels – kurzerhand der Kopf abgeschlagen.

Die Hinrichtung soll, während eines Wutanfalls, der Chef des Forstbeamten, Graf Friedrich Christian zu Schaumburg-Lippe, getätigt haben. Der von 1681 bis 1728 amtierende Landesherr war als extrem unbeherrscht und gewalttätig bekannt. Noch über Jahrhunderte hinweg sei in dem Raum, in dem die Tat geschah, jede Nacht Blut aus der Wand getröpfelt, wurde später erzählt. Außerdem hätten seitdem auf dem Steinberger Pass - mehr als je zuvor - Gespenster und Geister ihr Unwesen getrieben.

Ein noch düsteres Kapitel waren und sind die Hexenprozesse, die Ende des 17. Jahrhunderts in den abgelegenen Festungskatakomben stattfanden. Angeklagt waren fast ausschließlich Frauen. Nach endlosen Verhören und qualvoller Folter wurden sie der so genannten „Wasserprobe“ in den unterhalb der Burg gelegenen Teichen unterzogen. Die Gewässer sind im Volksmund seitdem als „Hexenteiche“ bekannt. Die Opfer wurden, tot oder lebendig, auf einem Scheiterhaufen verbrannt.

Der größte Teil der heutigen baulichen Anlagen stammt aus dem 16. Jahrhundert. Damals wurde die schmucklose Burgfeste zu einem herrschaftlichen Verwaltungssitz für die umliegenden Dörfer ausgebaut - dem „Amt Arensburg“. Als der kleine eigenständige Verwaltungsbezirk später wieder aufgelöst wurde, schien es auch mit der Zukunft der Arensburg vorbei. Das Anwesen verkam und wurde zuletzt nur noch als Vorwerk und Kornlager genutzt.

Doch dann tat sich, wie aus heiterem Himmel, eine überraschende Wende auf. Im Jahre 1816 stattete die Fürstin Ida, frisch vermählte Ehefrau des damals amtierenden Landesherrn Georg Wilhelm, der Arensburg einen Antrittsbesuch ab. Es war Liebe auf den ersten Blick. Auf Idas Wunsch hin wurden die zerfallenden Gemäuer zu einem herrschaftlichen „Lustschloss“ und die Umgebung zu einer romantischen Gartenanlage mit Grotten und Teichanlagen umgestaltet. Schon bald war die „neue“ Arensburg ein weit und breit bekanntes und beliebtes Ausflugsziel. Für die angenehmen Seiten des Aufenthalts sorgte ein Gaststättenbetrieb. Vor allem in den Sommermonaten strömten Zehntausende von Familien, Schulkindern, und Kurgästen aus Bad Eilsen und Steinbergen herbei.

Ein entscheidender Knackpunkt trat ein, als Ende der dreißiger Jahre – nur einen Steinwurf entfernt – ein gewaltiger Brückenviadukt hochgezogen wurde. Die Autobahnbauer hatten die Arensburg als Standort für eine Raststätte ausgeguckt. Der damalige Chef des Fürstenhauses, Prinz Wolrad, sah sich 1940 genötigt, Burg und Park zu verkaufen. Die kostbare Innenausstattung, darunter Gemälde von Rubens, Rembrandt, Cranach, Holbein, Dürer und van Dyck, wurde ins Bückeburger Schloss transportiert.

Die weitere Entwicklung haben viele ältere Schaumburger noch selbst miterlebt: Anfang der 1950er Jahre wurde die Raststätte zu einem komfortablen Schlosshotel ausgebaut. Später verkaufte die Bundesvermögensverwaltung das mehr als 14 Hektar große Areal an den Portaner Geschäftsmann Heinrich Riechmann. Im Spätsommer 2000 ging der Komplex in den Besitz der Immobilienhandels AG „Fortissimo“ und deren Geschäftsführer Dieter F. Kindermann über. Und das vorläufig letzte Kapitel begann vor drei Jahren. In Zeitungsberichten wurden große Pläne wie Jagdschloss und/oder Künstlertreff vorgestellt. Davon ist heute keine Rede mehr.

Repros/Foto: gp
Die Arensburg auf einem kolorierten Kupferstich des reisenden Kunstmalers Carl Schlickum aus dem Jahre 1839.