Vom Petroleum zum Strom

SONDERBERICHT "Energiewende" vor 100 Jahren - steigende Stromkosten bereiten damals wie heute Sorgen
Samstag, 29 Dezember, 2012
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Landkreis

Von Wilhelm Gerntrup
Das Jahr 1912 ist (fast) „abgehakt“. Wie war das Jahr? Was hat es gebracht? Das Urteil über die vergangenen zwölf Monate fällt naturgemäß für jedermann (und jede Frau) anders aus. Ein Thema aber dürfte für alle gleichermaßen wichtig gewesen sein und uns noch lange in Atem halten: die Sorge um die Energiewende und die scheinbar unaufhaltsam steigenden Stromkosten. Was viele nicht wissen: Es sind fast die gleichen Ängste, die vor 100 Jahren unsere Urgroßväter und Urgroßmütter aufregten. Einen deutlichen Unterschied zwischen damals und heute gab und gibt es nur in puncto Wissensstand und technischem Know-how. Von Atomausstieg, Öl-Multis und Offshore-Windparks war zur Zeit unserer Altvorderen noch keine Rede.

Ansonsten war vieles von dem, was sich Ende 1912/ Anfang 1913 hierzulande abspielte, mit der augenblicklichen Entwicklung vergleichbar. Es ging – damals wie heute – um eine tief greifende Neuausrichtung der Energiepolitik. Weg von Dampf, Gas und Petroleum und hin zur Elektrizität, so die Devise. An die Einbeziehung von „erneuerbaren Energien“ dachte damals – trotz der vielen, sich auch und gerade im Schaumburger Land drehenden Wind- und Wasserräder – noch keiner. Einzige Versorgungsgrundlage war die Kohle. Ausgelöst und möglich geworden war die damals landauf, landab heftig diskutierte „Energiewende“ durch die Entdeckung des „dynamoelektrischen Prinzips“ durch Werner von Siemens und die Entwicklung leistungsfähiger Generatoren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Für viel Auftrieb hierzulande sorgten die ermutigenden Erfahrungen, die man mit dem 1902 auf dem Georgschacht in Stadthagen in Betrieb genommenen Elektrizitätswerk gemacht hatte. Die drei dort installierten, insgesamt 1500 PS starken Kolben- und Dampfturbodynamomaschinen waren in der Lage, neben den Motoren der umliegenden Zechenanlagen auch etliche Obernkirchener Privathäuser mit Strom zu versorgen. Um den Umstieg ins Elektro-Zeitalter voran zu treiben, wurden überall im Reich Stromversorgungsunternehmen („Überland-Zentralen“) aus der Taufe gehoben. Als treibende Kräfte traten – neben Kohlebaronen und Elektroindustriellen – auch und vor allem fortschrittlich denkende und um die industrielle Weiterentwicklung ihrer Region besorgte Politiker auf den Plan. Lange war nicht klar, wie, wann und von wem die Stromversorgung im Schaumburger Land organisiert werden würde. In der fürstlich-schaumburg-lippischen Landesregierung dachte man zunächst über eine „hauseigene“ Lösung nach. Doch spätestens seit 1909 lief alles auf zwei im benachbarten Preußen auf den Weg gebrachte Unternehmen hinaus. Im März dieses Jahres war in Herford das ostwestfälische „Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg“ (EMR) aus der Taufe gehoben worden. Und nur wenig später nahm man von Hameln aus die Gründung eines „Elektrizitätswerks Wesertal“ in Angriff. Initiatoren und Hauptaktionäre des EMR waren die Kreise Herford und Minden. Am Aufbau der „Wesertal“-AG wirkten – neben den Kreisen Hameln und Holzminden – von Anfang an auch Politik und Verwaltung des Kreises Grafschaft Schaumburg in Rinteln mit. In Bückeburg war man lange Zeit unentschlossen. Schließlich kam es Anfang 1914 zu einem Kooperationsvertrag mit dem EMR.

Anders als die Fachleute und Politiker war ein großer Teil der Bevölkerung bis zuletzt skeptisch. Ein Grund der Besorgnis war die Monopolstellung der neuen Elektrizitätsunternehmen. „Es können sehr leicht alle Strombenutzer in eine drückende Abhängigkeit von den Überland-Zentralen geraten, und das ist das Bedenklichste an der ganzen Sache“, war im November 1912 in der Schaumburger Zeitung zu lesen.

Ablehnung kam auch von den Dorf- und Landbewohnern. Man selbst profitiere kaum, müsse aber den Löwenanteil des teuren Stromleitungsnetzes tragen, war zu hören. „Die Vertreter der elektrischen Überland-Zentralen verstehen es meisterlich, in den Versammlungen die Vorteile des elektrischen Lichtes und der elektrischen Kraft von der glänzendsten Seite zu zeigen“, heißt es in einem geharnischten, Ende 1912 in der Landes-Zeitung veröffentlichten Protestaufruf. „Jeder weiß, daß sich Überland-Zentralen in Gebieten mit rein landwirtschaftlicher Bevölkerung nicht rentieren können.“ Gegen die Beteiligung der Gemeinden und der Kreise an Überlandwerken müsse „daher mit allem Nachdruck Einspruch erhoben werden“. Schließlich würden auch und vor allem „unbeteiligte Steuerzahler“ zur Zeche gebeten. Eine weitere Ungerechtigkeit sei es, „daß man den Zentralen auf lange Jahre ein Wege-Monopol einräumt“.

Für Vorbehalte sorgten das unübersichtliche Abrechnungsverfahren und die störanfällige Zählmechanik. „Von den verschiedenen Tarifsystemen sind heute die sogenannten Zählertarife am verbreitetsten, bei denen die verbrauchte Elektrizität durch einen Meßapparat, den Zähler, bestimmt und nach seinen Angaben berechnet wird“, versuchte die Landes-Zeitung, Ende 1912 zu erklären. „Bei dem einfachsten und am häufigsten angewendeten Einfachtarif wird die Elektrizität durch den Apparat zwar nach einheitlichem Preis pro Kilowattstunde berechnet, jedoch meistens für Licht und Kraft nach besonderem Preise.“

Repros: gp
Erbitterten Widerstand gegen die Energiewende vor 100 Jahren leisteten die Bauernverbände. Ihre Mitglieder wollten die bisherigen Verhältnisse beibehalten. Neben Petroleumlampen als Lichtspender waren auf vielen Höfen zum Betrieb von Dresch- und Häckselmaschinen, Schrotmühlen, Rübenschneidern sowie Holzsägen und Schleifsteinen hauseigene Windturbinen in Betrieb (Reklamebeilage der Landes-Zeitung im Februar 1913).