Schwarzes "Gold" ohne Zukunft

SONDERBERICHT: Vor 50 Jahren: Das Ende des Schaumburger Kohlenbergbaus - fast 3000 Arbeitsplätze weg
Samstag, 18 Juni, 2011
erschienen in: 
Schaumburger Nachrichten

Landkreis

Von Wilhelm Gerntrup
Ein soziales und wirtschaftliches „Erdbeben“ erschütterte vor 50 Jahren die hiesige Region. Der Schaumburger Kohlenbergbau war am Ende. Am 30. Dezember 1960 hatten die Kumpel in Lüdersfeld die letzte Förderschicht gefahren; bis Ende 1961 wurden alle hierzulande noch vorhandenen Förderanlagen und Betriebsstätten dichtgemacht und abgewickelt.

Der bis dato wichtigste heimische Wirtschaftszweig war Opfer eines tief greifenden Strukturwandels geworden. Der Vormarsch des Heizöls und der Konkurrenzdruck durch preiswerte Importkohle hatten den deutschen Kohlenbergbau in eine unüberwindliche, bis heute spürbare Krise gestürzt. In Schaumburg waren fast 3000 Arbeitsplätze betroffen. Die Betroffenen hatten Glück im Unglück: Wirtschaftswunder und Arbeitsmarkt boomten. Das Gros der (Ex-)Bergleute kam problemlos in Hannover bei VW, Continental und Hanomag unter. Viele Jüngere zogen weg. Für andere, die sich noch kurz zuvor in Lindhorst und andernorts ein Siedlungshäuschen gebaut hatten, begann ein Pendlerdasein.

Die Anfänge des heimischen Bergbaus gehen bis ins Mittelalter zurück. Erste schriftliche Hinweise gibt es aus dem frühen 16. Jahrhundert. Schon damals waren überall am Nordhang des Bückebergs „Kohlbrecher“ dabei, das vor ihrer Haustür zutage tretende brennbare Gestein aus der Erde zu schlagen. Hauptfundorte waren Obernkirchen, Sülbeck und Nienstädt. Schon bald nahm sich die Obrigkeit der neuen Einnahmequelle an. Zur Überwachung der „Kuhlen“ wurden „Kohlenvoigte“ bestellt.

Die Schürfstellen waren Ausläufer einer 50 bis 90 Zentimeter dicken Kohlenschicht, die sich mit starkem Gefälle nach Nordwesten in die „Schaumburger Kreidemulde“ hinein fortsetzt. In den tieferen Lagen spaltet sich die Schicht in bis zu fünf übereinander liegende Einzelflöze, von denen aber nur eins als abbauwürdig ausgemacht wurde. Qualität und Zusammensetzung der fossilen Ablagerung sind unterschiedlich. Sie reicht von verkokungsfähiger Fettkohle bis zur gasreichen Magerkohle, aus der man überwiegend Brikett presste.

Im Laufe der Jahrhunderte gruben, schlugen und sprengten sich die Knappen immer weiter und tiefer ins Erdinnere vor. Bereits um 1800 wurden in den Revieren zwischen Obernkirchen und Stadthagen an die 100 Stollen und Abbauschächte gezählt. Richtig los ging es aber erst, als die Bergingenieure die Probleme der unterirdischen Luftzufuhr und der Entsorgung des Grubenwassers in den Griff bekamen. Der Einstieg ins Tiefbauverfahren begann. Der erste senkrechte Schacht wurde 1816 bei Nienstädt in 90 Meter Tiefe abgeteuft. Über den um 1900 bei Stadthagen angelegten „Georgschacht“ kam man bereits an die 240 Meter unter der Erdoberfläche liegenden Vorkommen heran. Und der 1950 eingerichtete Betrieb Lüdersfeld hatte die auf 25 Millionen Tonnen taxierten, in 500 Meter Tiefe ausgemachten Vorräte im Visier.

Alleiniger Besitzer und Betreiber der Gruben war seit 1940 die „Preußische Hütten- und Bergwerks-AG“ (Preußag). In der Zeit davor hatten auch das schaumburg-lippische Fürstenhaus, das Land Schaumburg-Lippe, die Hessen und die Preußen an der heimischen Kohle verdient.
Anfangs wurde die Kohle überwiegend zum Heizen, Kalkbrennen und Salzsieden genutzt. Später ging die Förderung zunehmend an Brauereien, Ziegeleien, Glasfabriken, Eisenbahngesellschaften und Kraftwerksbetreiber. Dank des „schwarzen Goldes“ entwickelte sich Obernkirchen zum führenden heimischen Wirtschaftsstandort. Hier saß mit dem „Gesamtbergamt“ auch die zuständige Fachbehörde. Sie war bis zuletzt größter Arbeitgeber der Region. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden bereits 300 „Kohlbrecher“ gezählt, die meisten allerdings zunächst im Nebenerwerb. Die Zahl stieg über 500 (1825), 2500 (1925) bis auf knapp 3000 in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an. In den Bergmannsdörfern Sülbeck, Gelldorf, Helpsen, Krainhagen, Rolfshagen oder Südhorsten lebte mehr als die Hälfte der Einwohner vom Bergbau. Auch die Förderleistung stieg stetig und erreichte mit gut 430 Tausend Tonnen jährlich vor der Stilllegung den höchsten Stand. Umso überraschender kam für viele das Aus. Bis zuletzt waren Meldungen und aufkeimende Stilllegungsgerüchte von der Preußag heftig dementiert worden. An ein Ende sei „frühestens in 15 Jahren zu denken“, war aus der hannoverschen Firmenzentrale zu hören. Bis dahin werde die Schaumburger Kohle noch für die umliegenden Stromkraftwerke benötigt. Für Insider war die Entwicklung jedoch schon lange vorher klar. Selbst in den „klassischen“ und rentableren Ruhr- und Saar-Revieren hatten bereits Zechen aufgeben müssen. Die Einschläge kamen immer näher. 1957 hatte die Preußag Barsinghausen dichtgemacht. Ein Jahr später traf es die Zeche Minden-Meißen kurz hinter der Landesgrenze.

1960 erreichte die Entwicklung auch die Schaumburger Gruben. Im Juli wurde der Förder- und Kokereibetrieb auf dem Georgschacht eingestellt. Zum Jahresende war – wie erwähnt – Lüdersfeld-Auhagen an der Reihe. Gleichzeitig schloss die Obernkirchener Brikettfabrik ihre Pforten. Der Rückbau der Anlagen zog sich noch zum Jahresende hin. Für die zuletzt noch 500 Kumpel war am 31. Dezember 1961 endgültig Schluss.