Rot und fürstentreu

SONDERBERICHT: Schaumburg-Lippe fürchtet um seine Eigenständigkeit
Samstag, 6 November, 2010
erschienen in: 
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Bückeburg

Von Robert von Lucius Vor siebzig Jahren war das Fürstentum noch ein Staat, bald aber wird es möglicherweise nicht einmal mehr ein Landkreis sein. Schaumburg-Lippe ist ein Name mit Geltung nicht nur in den bunten Blättern oder unter Geschichtsbewussten, war und ist aber „zu klein“. Die Menschen in Bückeburg wehren sich jedoch dagegen, vereinnahmt zu werden.

Zumindest im Kreis Schaumburg sehen sie sich vertreten – und in der Landeskirche Schaumburg-Lippe, der neben Anhalt kleinsten der 22 evangelischen Landeskirchen. Nun hat die niedersächsische Landesregierung eine Neuordnung der Kreise und Kommunen „angeregt“, die finanziell als nicht mehr lebensfähig gelten. Zunächst soll das „freiwillig“ geschehen, sonst nach 2014 durch Gesetz. Innenminister Uwe Schünemann (CDU) wurde konkreter – er warb für einen Kreis Weserbergland, zu dem sich die Kreise Schaumburg, Hameln-Pyrmont und Holzminden zusammenschließen sollten.
Selbstbewusst ist der Kreis jedenfalls. So legte er gemeinsam mit der Region Hannover eine Verfassungsbeschwerde gegen die niedersächsische Landesregierung ein. Der Staatsgerichtshof lehnte die Beschwerde ab, « ei der es um den kommunalen Finanzausgleich ging. Leicht dürfte es ihm diesmal nicht gefallen sein, denn der Sitz des niedersächsischen Verfassungsgerichts ist die Juristenstadt Bückeburg – die Hauptstadt von Schaumburg-Lippe. 363 der 900 Jahre seit der ersten Nennung des Namens Schaumburg war die Region in irgendeiner Form eigenständig oder fühlte sich zumindest so – zunächst durch einen Teilungsvertrag aus der Endphase des Dreißigjährigen Krieges. 1807 wurde Schaumburg-Lippe zum Fürstentum erhoben, nachdem Graf Wilhelm schon 60 Jahre vorher versucht hatte, das kleine Staatswesen zu einem Musterstaat des aufgeklärten Absolutismus zu machen. Es überstand alle Wirren – die Revolution von 1848 und den Sieg Preußens über das Königreich Hannover. Dank seiner Anlehnung an Preußen erhielt es sich seine Selbständigkeit als zweitkleinster Staat des Deutschen Reiches auch nach der Reichsgründung 1871.
Nach dem ersten Weltkrieg wurde Schaumburg-Lippe zunächst ein Freistaat. Eine Volksabstimmung bestätigte dieses Streben nach Selbständigkeit. Selbst unter den Nationalsozialisten blieb es eigenstaatlich unter einem Landespräsidenten. Erst 1946 verlor es seine Staatlichkeit durch die Verschmelzung mit Hannover, Oldenburg und Braunschweig zum Land Niedersachsen – der neben dem stets republikanischen Bremen letzte Kleinstaat, der in Deutschland eigenständig geblieben war. Der „Heidedichter“ Hermann Löns, einst Chefredakteur der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung, höhnte in seiner Satire „Duodez“, das Land zwischen Steinhuder Meer und Weser sei so klein, dass selbst Kegelbahnen gekrümmt sein müssten. Der Beharrungswille aber blieb. Der hatte es ermöglicht, im Grenzgebiet von welfischen Landen und Westfalen zu bestehen. Eine Volksabstimmung zur Bildung eines eigenen Bundeslandes erreichte 1975 die erforderliche Mehrheit, scheiterte aber am Bundestag, der dem Ansinnen hätte zustimmen müssen. Dabei war den Regierenden in Bonn dessen Geschichte wohlbekannt: Bis 1999 war das Palais Schaumburg, benannt nach der mit einem Bückeburger Prinzen verheirateten jüngeren Schwester von Kaiser Wilhelm II., der Dienstsitz des Bundeskanzlers in Bonn. Nur gut 35 Jahre nach dem Volksentscheid der Schaumburger, ein eigenes Bundesland zu bilden, dräut ihnen, dass selbst der Landkreis, der ihren Namen und ihre Geschichte verkörpert, abgeschafft wird.
Nachdem auch bei Wahlkreisen für den Bundestag und den Landtag die Wahlkreisgrenzen und die Namen der Wahlkreise nicht mehr dem alten Freistaat oder Fürstentum entsprechen, bleiben zur Wahrung von fast vier Jahrhunderten Geschichte nur noch wenige Ansätze: die Landeskirche, die Landschaft, das Landesmuseum, das Fürstenhaus. Da sich schon weit größere Landeskirchen zusammengeschlossen haben oder dies anstreben, ist die Zukunft der lutherischen Landeskirche mit nur 22 Gemeinden – die benachbarte hannoversche Landeskirche hat mehr als 1500 Gemeinden mit etwa 60 000 Mitgliedern – nicht gesichert. Bestrebungen, sie mit den anderen vier Landeskirchen in Niedersachsen zusammenzufügen, scheiterten vorerst. Die Synode beschloss indes Ende Mai, sieben Pfarrstellen einzusparen, das Kirchenamt zu „verschlanken“, die Zahl der Kirchenkreise auf zwei zu halbieren und sich enger mit anderen niedersächsischen Kirchen abzustimmen. Der neue Landesbischof Karl-Hinrich Manzke aber weist auf die hohe Identifikation mit der Region – warum solle man, hält er „zentralistischen“ Bestrebungen entgegen, ein solches Gebilde „ohne Not“ auflösen.
Auf Eigenständigkeit setzt auch die Schaumburger Landschaft. Eine Landschaft ist eine niedersächsische Eigentümlichkeit, die in Absprache mit dem Land als regionaler Träger kulturelle Aufgaben übernimmt. Die Schaumburger Landschaft trug die Feiern „Schaumburger Friede“ in der zweiten Augusthälfte mit. Bei diesen Feiern zu 900 Jahren Schaumburg bereiste „Fürst Ernst“, wiederauferstanden aus dem sechzehnten Jahrhundert, elf Tage lang mit einer Kutsche das Land und übergab dem Landtagspräsidenten eine Petition, die für den Erhalt Schaumburgs warb. Das lehnte sich an ein ähnliches Projekt einer Zeitreise der Ostfriesischen Landschaft an; indes: Diese wurde 1464 gegründet, die Schaumburger Landschaft 1993.
Eine der Eigentümlichkeiten Schaumburg-Lippes ist das enge Neben –und Miteinander von Bevölkerung und Fürstenfamilie. Zu besonderen Geburtstagen von Fürst Alexander zu Schaumburg-Lippe kommt „jeder“ ins Schloss – die Gerichtspräsidentin, der Landrat, der Bischof, die Nachbarn. Das Land wurde fast stets von Sozialdemokraten regiert. Schaumburg-Lippe stellte zwischen 1946 und 1949 in Hannover den einzigen Kommunisten als Landesminister in der „alten“ Bundesrepublik. Das Nebeneinander von Bürgertum, Sozialisten und Fürstenfamilie war aber in Bückeburg fast immer ungetrübt. Noch heute sagen tiefrot Gefärbte „wir sind ein Fürstentum“ – vielleicht ein Grund, warum die Fürsten blieben, während die anderen beiden einst regierenden Häuser in Niedersachsen, die Welfen und die Oldenburger, ihren Lebensmittelpunkt inzwischen außerhalb der Landesgrenzen haben. Schloss und Stadt sind in Bückeburg geographisch und städtebaulich miteinander verzahnt – Rathaus und Schloss liegen nur wenige Schritte voneinander entfernt. Zu seinen Bürgern zählte Wilhelm Busch, Deutschlands größter Humorist. Gerhard Schröder und Frank-Walter Steinmeier kommen dagegen aus dem benachbarten, zu Nordrhein-Westfalen zählenden „Lipper Land“ um Detmold.
Der Welt mächtigster Mann arbeitet inmitten von Steinen aus der Region, die den vorgezeichneten Weg in die Geschichtslosigkeit verhindern will. Aus dem besonders feinkörnigen Obernkirchener Sandstein von den Bückebergen wurden nämlich nicht nur der Kölner Dom und das Bremer Rathaus erbaut, das Schloss Rosenborg in Kopenhagen und der Berliner Reichstag, sondern auch das Weiße Haus in Washington.