Naturdenkmal mit Pflegeanweisung

SONDERBERICHT Schlosspark Arensburg: Ballerstedt-Löns-Gutachen von 1910 hat heute noch Gültigkeit
Samstag, 14 Juli, 2012
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Steinbergen

Von Wilhelm Gerntrup
Ursprüngliche Landschaftsformation“, „typische Pflanzengemeinschaften“, „ausgezeichneter Baumbestand“ und „Brutstätte seltener Vogelarten“ – so lauten die Beurteilungskriterien in einem im Jahre 1910 erstellten Gutachten zur „naturdenkmalpflegerischen Bedeutung des herrschaftlichen Gutsbezirks Arensburg“. Verantwortlich für die Bewertung war ein fünfköpfiges Expertenteam. Zur prominent besetzten Jury gehörte neben dem bekannten Paläontologen Professor Max Ballerstedt auch Hermann Löns. Der Ex-Schriftleiter der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung galt bereits zu seiner Bückeburger Zeit als ausgewiesener Naturliebhaber und -kenner und hatte eine ganze Reihe fachkundiger Beiträge über die heimische Tier- und Pflanzenwelt verfasst.

Auslöser des Gutachtereinsatzes war das im wilhelminischen Kaiserreich boomende Interesse an vaterländischer Kultur- und Heimatpflege. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm man sich auch der so genannten „Naturdenkmäler“ an. Darunter verstand man besonders auffällige und/oder historisch bedeutsame Bäume, Alleen, Felsformationen, Findlinge und geschichtsträchtige „Parkpartien“.

Als einer der ersten deutschen Staaten begann Preußen mit der systematischen Suche und Erfassung von infrage kommenden Objekten. Dazu wurden „Bezirkskomitees für Naturdenkmalpflege“ eingerichtet. Das für die Provinz Hannover zuständige Gremium startete 1909 mit einer groß angelegten Fragebogenaktion. Mangels eigener Fachkompetenz wurde – auf dessen Wunsch – auch das kleine Nachbar-Fürstentum Schaumburg-Lippe mitbetreut und einbezogen.

Löns, Ballerstedt und Co. mussten nicht lange überlegen. Sie setzten das Arensburg-Areal ganz oben auf die Vorschlagsliste. Neben der historischen Bedeutung der Burganlage und den Geschichten um die düstere Vergangenheit der „Hexenteiche“ hatte es den fünf unabhängig voneinander urteilenden Juroren vor allem die Schönheit der Gegend angetan. Das abseits gelegene und trotzdem leicht erreichbare Areal mit seiner malerischen Burgkulisse war zu einer Art Rückzugsraum für die zunehmend von Industrie und Verkehr geplagte Bevölkerung geworden. Über allem lag eine himmlische Ruhe. Autobahn, Steinbruchbetriebe und lärmende Verkehrstrassen gab es noch nicht. Die gelegentlich vorbeifahrende Rinteln-Stadthagener Eisenbahn wurde – über die bequeme Zubringermöglichkeit hinaus – als Bereicherung des Erlebniswerts empfunden. Vogelexperte Löns wies zusätzlich auf das Vorkommen von Wasseramsel, Gebirgsbachstelze, Schwarzspecht und Eisvogel in der Talsenke hin.

Die auf diese Weise festgestellte Schutzbedürftigkeit hat – trotz aller zwischenzeitlich erfolgten inhaltlichen und organisatorischen Veränderung – bis heute Bestand. Der Arensburger Park genießt immer noch Denkmalstatus. Den Rechtsrahmen bilden mittlerweile das seit drei Jahren geltende Bundesnaturschutzgesetz und die dazu vom Land Niedersachen erlassenen Ausführungsbestimmungen. Danach sind „Einzelschöpfungen der Natur oder entsprechende Flächen bis zu fünf Hektar, deren besonderer Schutz entweder aus wissenschaftlichen, naturgeschichtlichen oder landeskundlichen Gründen, oder wegen ihrer Seltenheit, Eigenart oder Schönheit erforderlich ist“, als Naturdenkmäler auszuweisen. Das ist durch den Landkreis Schaumburg als zuständiger unterer Naturschutzbehörde geschehen. Die in Stadthagen auf den Weg gebrachte Verordnung schreibt dem jeweiligen Eigentümer des ND SHG 40 „Schlosspark Arensburg“ die „fachgerechte Pflege des Parks einschl. der Gehölze“ vor. Es gibt ein Duldungs- und Betretungsrecht. Verstöße können mit saftigen Bußgeldern geahndet werden.

Solch ausgefeilte Schutzvorschriften hätten sich frühere Besitzer- und Nutzer-Generationen nicht einmal im Traum vorstellen können. Hinweise auf „Thier“-, „Kälber“- und „Hopfengarten“ in den im Bückeburger Staatsarchivakten deuten darauf hin, dass der Burghang und die angrenzenden Flächen und Teiche einst zur Versorgung mit (Fisch-) Fleisch, Obst und Gemüse genutzt wurden.

Die Ausgestaltung zum Landschaftspark begann vor gut 200 Jahren. Einen entscheidenden Anstoß gab die Neueröffnung des Schwefelbads Eilsen. Zur Zeit des Bückeburger Schlossherrn Fürst Georg Wilhelm (1807-1860) und dessen Ehefrau Ida wandelte sich das Areal endgültig zum Lustgarten. Die bis dato vorherrschen Obstbaumreihen und Gemüsebeete verschwanden. Stattdessen bestimmten verschlungene Wege, lauschige Grotten und kunstvoll angelegte Wasserkaskaden und Tuffsteinbrücken das Bild. Oberhalb der Hexenteiche wurden fünf weitere Kleingewässer in die Szenerie eingebettet.

Ein besonderes Augenmerk galt der Gehölzauswahl. Neben verschiedenen Eichen- und Zypressensorten wurden Blutbuchen, Esskastanien, sowie Catalpa (Trompetenbaum), Liriodendron (Tulpenbaum) Magnolie und Ginkgobaum angepflanzt. Der nach Amerika ausgewanderte und dort zu Geld gekommene Bückeburger Lehrer Dr. Büte schickte Samen von Salix babylonica (Echte Trauerweide) und Populus balsamifera (Balsam-Pappel) über den großen Teich. Zur Pflege der Anlage waren bis zu drei Gärtner und Tagelöhner im Einsatz.

Heute ist vom einstigen Lustgarten nicht viel übrig geblieben. Vor allem während der letzten drei Jahre ist das Areal – trotz der strengen gesetzlichen Schutz- und Erhaltungsvorgaben – zum unübersichtlich-tiefgründigen Holzeinschlagplatz verkommen. „Da ist viel ohne unser Wissen und an getroffenen Absprachen vorbei gelaufen, hofft Martina Engelking, Chefin des Schaumburger Kreis-Naturschutzamts, nach dem kürzlich bekannt gewordenen Besitzerwechsel auf einen Neuanfang.

Foto/Repro: gp
So sah der Arensburg-Park in den 1830er Jahren aus (kolorierter Kupferstich des reisenden Kunstmalers Carl Schlickum.