Lieber des Teufels als hannöversch

SONDERBERICHT ... oder kurhessisch oder preußisch - Einblicke ins Schaumburger Kollektivbewusstsein
Samstag, 20 Oktober, 2012
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Schaumburg

Von Wilhelm Gerntrup
Über die „Schaumburger Identität“ ist schon viel nachgedacht, geredet und zu Papier gebracht worden. Hat die hiesige Gegend etwas, was es andernorts nicht oder nicht so stark ausgeprägt gibt? Ticken die hierzulande lebenden Leute besonders? Sind sie von eigener Art und im ursprünglichen Wortsinn einzigartig? Fühlen sie sich vielleicht sogar zusammengehörig?

Auf den ersten Blick scheinen solche Fragen heutzutage, Anfang des 21. Jahrhunderts, nur noch ewig gestrige und zurückgebliebene Heimatfreaks zu interessieren. Doch so einfach ist es offensichtlich nicht. Globalisierung und „Internationalisierung“ haben eine althergebrachte, hierzulande lange Zeit verdrängte Erkenntnis neu belebt: Je schneller, unkontrollierter und undurchschaubarer die Welt um uns Menschen herum in Bewegung gerät, desto stärker wachsen letztlich Sehnsucht und Bedürfnis nach Bewahrung des Vertrauten. Einige aktuelle Beispiele seien kurz genannt: Außer Basken, Katalanen, Schotten und Südtirolern denken mittlerweile auch die Bayern über einen Sonderstatus ihrer Stammesgemeinschaft im vereinten Europa nach.

Wie es heuer (derzeit) um den Selbstbehauptungswillen im Schaumburgischen bestellt ist, lässt sich schwer einschätzen. Genaues über Volkes Meinung weiß man nicht. Auch ein Blick in die mit der Beschreibung der hierzulande lebenden Artgenossen befassten Veröffentlichungen fördert wenig Erhellendes zutage. Der Begriff von der Identität (vom lat. idem = derselbe, dasselbe, der Gleiche) habe „etwas Vages“, heißt es in der 2002 vom Landkreis herausgegebenen Jubiläumsbroschüre „25 Jahre Schaumburg“. Man müsse heute, um das gestaltende Element zu betonen, wohl eher von einer Vision sprechen. „Heimat ist „Herkunft und Zuhause, sie ist zu entwickeln und zu gestalten – politisch, ökonomisch, kulturell – und zwar von denen, die sie beheimatet.“

Ähnlich Unverbindliches bekommt man in der vor knapp zehn Jahren von der „Schaumburger Landschaft“ herausgegebenen „Kleinen Landeskunde“ zu lesen. Die Darstellungen zur Gemütslage der Einwohnerschaft münden in der Feststellung, regionale Identität sei „mehr als nur ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gegend“. Sicher sei außerdem, dass „Schaumburger ihre aktuellen, geschichtlichen und traditionellen Gemeinsamkeiten stärker empfänden als Menschen in vergleichbaren Regionen in Niedersachsen“.

Den derzeit ausführlichsten Einblick ins heimische Kollektiv-Bewusstsein vermittelt der Sammelband „Der Raum Schaumburg – Zur geschichtlichen Begründung einer regionalen Identität“ (siehe Quellenhinweis). Insgesamt 17 Autoren setzen sich – unter unterschiedlichsten Gesichtspunkten und mit wissenschaftlicher Distanz – mit den kulturhistorisch bedingten Besonderheiten der hiesigen Einwohnerschaft auseinander. Die Themenpalette reicht von einer Betrachtung „aus der Satellitenperspektive“, der Schilderung des zwiespältigen Verhältnisses zu Niedersachen und der Darstellung der Heimatbewegung bis hin zur Beschreibung der Flüchtlingsintegration nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei werden auch – rein wissenschaftlich und anhand konkreter Beispiele – Entstehungsgeschichte und Merkmale der Identität sowie der Selbstbehauptungswille der im „Raum Schaumburg“ siedelnden Menschen angesprochen.

Vor allem der letztgenannte Punkt hat offenbar schon immer für viel Gesprächsstoff und Aufregung gesorgt. „Fragt man einen Lippe-Detmolder, einen Anhalter, einen Waldecker (damals Fürstentum Waldeck-Pyrmont), einen Schaumburg-Lipper usw. darüber (über die Aufgabe der Souveränität), gerät er ganz außer sich und will lieber des Teufels werden als hannöversch oder kurhessisch oder auch preußisch“, beschrieb vor 150 Jahren der zu seiner Zeit angesehene Politiker und Volkskundler Gustav von Rümelin die kleinstaatsbürgerliche Stimmungslage.

Andere Einschätzungen fielen noch drastischer aus: „Unter 100000 Einwohnern finden sich kaum 1000, die nicht mit Entschiedenheit solchen Abmeierungsplänen (gemeint war die „Aufopferung“ der politischen Selbstständigkeit zugunsten Preußens) widersprechen würden“, war bei einem Treffen von Regierungsvertretern aus Lippe, Schaumburg-Lippe und der hessischen Grafschaft Schaumburg im Jahre 1848 zu hören. „Die gesamte Bevölkerung sträubt sich gegen die Aufgabe der Selbständigkeit“. Wer so etwas vorschlage, setze sich der Gefahr aus, „gesteinigt zu werden“.

Kein Wunder, dass Reformbestrebungen kein oder nur selten Gehör fanden. Auch die Erwartung der Weimarer Regierung, dass mit dem Ende der wilhelminischen Ära auch das Aus der „Duodezfürstentümer“ gekommen sei, erwies sich als Irrtum. „Weite Kreise vermögen sich nur schwer an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie auch, ohne ihre Stammesart aufzugeben, Deutscher und nichts als Deutscher sein können“, klagte im Dezember 1919 das sozialdemokratische Parteiblatt „Vorwärts“. Damit waren nicht zuletzt die Leute im neuen demokratischen Freistaat Schaumburg-Lippe gemeint. Ältere Einwohner können sich noch an den lange anhaltenden Widerstand und die erst auf Anordnung der Engländer 1946 vollzogene „Abmeierung“ in Richtung Hannover erinnern.

- Quellenhinweis: „Der Raum Schaumburg, zur geschichtlichen Begründung einer regionalen Identität“, Band 57 der Reihe Schaumburger Studien, 365 Seiten, Melle 1998 (ISBN 3-88368-298-5).

Repros/Fotos: gp
Historische Karte des Schaumburger Landes