Gibt es eine Zukunft für unsere Dörfer?

SONDERBERICHT - Hintergrund
Montag, 24 Dezember, 2012
erschienen in: 
DeWeZet

Landkreis Hameln-Pyrmont

Von Wolfhard F. Truchseß
Der demografische Wandel ist in aller Munde. Was bedeutet er für unsere Dörfer, in denen manchmal nur wenige Hundert Menschen leben. Haben Sie noch eine Zukunft oder müssen einzelne Ortschaften irgendwann aufgegeben werden? Maßgebliche Kommunalpolitiker glauben das nicht. Sie sagen: „Das Dorf ist unsere Zukunft, wir wollen sie gestalten.“

Der Bevölkerungsrückgang und die Überalterung führen insbesondere in den ländlichen Räumen zu Unternutzung, Leerstand und Verfall in den Ortslagen.“ Mit diesem Satz wird das neue „Handbuch aktive Innenentwicklung“ eingeleitet, das von der Regionalen Entwicklungskooperation Weserberglandplus als Ergebnis des Modellversuchs „Umbau statt Zuwachs“ herausgegeben worden ist, an dem Kommunen der vier Landkreise Holzminden, Hameln-Pyrmont, Schaumburg und Nienburg teilgenommen haben. Das Thema beschäftigt viele Kommunen und auch die Landkreise, weil sie sich Sorgen um den Bestand nicht nur ihrer Ortsteile, sondern auch der großen Altdörfer machen.

„Das ist ein ganz spannendes Thema, das mich schon seit Jahren beschäftigt“, erklärt Andreas Grossmann, der Bürgermeister von Emmerthal. Es sei klar, dass Probleme wie zunehmender Leerstand und verfallende Häuser auf die Kommunen zukämen. Im Osten Deutschlands gebe es ja jetzt schon Geisterdörfer, hat Grossmann bei seinen Reisen festgestellt und verweist auf die Bevölkerungsprognose für den Landkreis, die davon ausgeht, dass bis zum Jahr 2025 die Bevölkerung hier um rund 21000 Menschen von 158000 im Jahr 2007 auf 137000 im Jahr 2025 abnehmen wird. Zwar glauben weder Grossmann noch seine Kollegen Harald Krüger in Hessisch Oldendorf und Hans-Ulrich Peschka in Coppenbrügge, dass in den nächsten 50 Jahren ganze Dörfer aufgegeben werden müssen, aber erste Gegenmaßnahmen haben sie zum Teil schon ergriffen.

So will die Gemeinde Emmerthal in Zukunft an den Rändern kleiner Orte keine Neubaugebiete mehr ausweisen, während gleichzeitig die Ortskerne verfallen. Zwar sei für Börry ein Baugebiet rechtskräftig beschlossen, aber es erfolge keine Erschließung. Auch für ein bestehendes Baugebiet in Esperde gelte: „Erschließung erst, wenn mindestens zwei Käufer gefunden sind. Bis heute sehe ich keinen Käufer“, erklärt Grossmann. Die Kommune folgt damit einer Handlungsweise, die im Werra-Meißner-Kreis schon vor Jahren rechtskräftig beschlossen wurde: keine neuen Baugebiete mehr, dafür gezielte Lückenbebauung in den bestehenden Orten.

„Jedes Neubaugebiet schafft Leerstand“, meint der bei der Stadt Hessisch Oldendorf beschäftigte Landschaftsplaner Heiko Wiebusch. Und sein Kollege, der Landschaftsarchitekt Hermann Faust, bestätigt, dass „im Prinzip“ keine neuen Baugebiete mehr ausgewiesen würden. „Wir wollen aber noch reagieren können, wenn Sondersituationen entstehen, und werden in Einzelfällen noch Genehmigungen aussprechen.“ Auch Grossmann meint für die Zukunft: „Wer auf dem Land bleibt, sollte im Bestand leben.“ Es gebe ja bereits das Problem einzelner „Schrott-Immobilien“, die dem Verfall preisgegeben worden seien und nur noch zu Preisen von 20000 oder 30000 Euro verkauft werden könnten. Durch solche Immobilien könnten neue soziale Brennpunkte entstehen, fürchtet Grossmann.

Harald Krüger setzt bei Leerständen auf das Förderprogramm „Jung kauft alt“, mit dem junge Familien durch feste Zinszuschüsse unterstützt würden, wenn sie eine Immobilie übernähmen, die vor 1973 gebaut wurde. Etwa zehn Projekte seien auf diesem Weg bereits realisiert worden.

„Leerstand ist ansteckend“, wissen die Ortsplaner und sorgen sich dabei inzwischen mehr um die großen Altdörfer wie Aerzen oder Hessisch Oldendorf, wo in den Kernbereichen mehr Häuser durch Leerstand gekennzeichnet seien als in den Dörfern. Darum müssten die Ortsverantwortlichen sich verstärkt zum Beispiel durch Leerstandskataster kümmern, mit den Eigentümern sprechen und auch die Banken bei der Erhaltung der Immobilien mit einschalten.

Ohnehin hoffen die Kommunalpolitiker darauf, dass der Trend der Urbanisierung, also in eine Großstadt wie Hannover zu ziehen, nicht von Dauer sein wird. „Die Preise ziehen dort so an, dass sich das viele Menschen in Zukunft wieder überlegen werden“, glaubt Peschka. „Die Menschen, die hier in Coppenbrügge leben, sind mobil und pendeln nach Hildesheim, Hameln und Hannover.“ 50 Kilometer Entfernung bis zum Arbeitsplatz würden in Kauf genommen, bestätigt auch Krüger. Es sei im Übrigen ein Vorteil von Hessisch Oldendorf, dass man in acht Minuten auf der Autobahn A2 sei und die Dörfer einen guten Bezug zu den Mittelzentren Hameln und Rinteln hätten. Außerdem gebe es auch wieder junge Leute, die nach einer guten Ausbildung wieder in die Dörfer zurückgekehrt seien, wie zum Beispiel eine Familie, die aus Hannover nach Wickbolsen gezogen sei und dort ein kleines Fachwerkhaus gekauft und renoviert habe. Langfristigen Leerstand gebe es in den Ortsteilen von Hessisch Oldendorf „relativ wenig“, betont Krüger. In Fuhlen sei sogar eine Hofstelle neu besiedelt worden, berichtet Wiebusch. Entscheidend für den Fortbestand der Dörfer sei der soziale Zusammenhalt in den Orten. „Und der ist meistens wirklich sehr gut“, betonen alle befragten Kommunalpolitiker.

Für Peschka war das vor einiger Zeit eingeführte Fleckenfest ein gutes Beispiel für die gemeinsamen Interessen und gebündelten Fähigkeiten der Orte. „Wir haben hier richtige Dorfgemeinschaftsvereine“, berichtet Peschka, „die das gemeinsam ausgerichtet haben.“ Das seien Vereine, die wie eine Holding über den anderen Vereinen handelten und die Identifikation mit den Orten deutlich stärkten.

Wiebusch zählt als wichtigste Einflussfaktoren für die Zukunft der Dörfer vier Punkte auf: Lage, Versorgungs- und Infrastrukturangebote, Gestaltung und Dorfbild und nicht zuletzt Image, Dorfgemeinschaft, Vereins- und Sozialstruktur. Vor allem müsse bei der Zukunftsplanung die junge Generation mit ins Boot geholt werden. In Fuhlen gebe es dazu einmal im Monat den „Montagstreff“, auf dem alle Dorfangelegenheiten besprochen würden. Auch in Großenwieden hätten sich nach dem Beschluss, die Grundschule zu schließen, rund 120 der 800 Bewohner an der Zukunftsplanung beteiligt. „Da waren ein 14-Jähriger genauso mit dabei wie ein 86-Jähriger“, erinnert sich Bürgermeister Krüger. Nach der durchgeführten „Zukunftswerkstatt“ hätten sich Arbeitsgruppen mit 40 Leuten gebildet, die jetzt die Realisierung der gemachten Vorschläge prüfen. „Das müssen wir von der Verwaltung aus natürlich unterstützen“, betont Krüger. „Zukunftsfähige Dörfer können wir nur schaffen, wenn es einen Generationswechsel gibt und auch junge Leute Verantwortung übernehmen können“, betont Wiebusch. Dann werde in den Dörfern „aktives Leben“ spürbar sein. Das Motto sei: „Das Dorf ist unsere Zukunft, wir wollen sie gestalten.“

Auch Grossmann berichtet von einem Beispiel, wie unter Bürgerbeteiligung ein Nachnutzungskonzept für das Grundschulgebäude in Grohnde entwickelt werde. Vier Termine seien sehr gut besucht worden und Ideen aus der Bürgerschaft gesammelt worden. Das seien zum Teil echte Visionen, aber finanziell nicht machbar gewesen. Herauskristallisiert habe sich jetzt eine Verbesserung der Nahversorgung. „Ein Dorfladen in dem alten Schulgebäude kann als Genossenschaft funktionieren, da bin ich mir sicher“, erklärt Grossmann. „Es wird darauf ankommen, wie intensiv die Dorfgemeinschaft das selbst begleitet.“ Mindestens 100 Genossenschaftsmitglieder müssten eine Einlage leisten, ehrenamtliche Arbeit sei ebenso unverzichtbar. Grossmann warnt davor, dass sich die Gemeinden durch finanzielle Anstrengungen die Einwohner gegenseitig abwerben. „Wir dürfen nicht zu einem Einwohnerkannibalismus kommen“, sieht Grossmann eine gewisse Gefahr in der gegenseitigen Konkurrenz. „Wir müssen künftig stärker in Regionen denken.“.

Foto: dana
Steht leer: der Hof Lübbe in Weidenhohl bei Haverbeck