Fürstendiner zur Eröffnungsfeier

SONDERBERICHT Aufstieg und Fall des Georgschachts / Vor 110 Jahren größte Zechenanlage im Schaumburger Land
Samstag, 8 Dezember, 2012
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Landkreis

Von Wilhelm Gerntrup
Knapp 60 Jahre lang galt der Georgschacht als Symbol und Motor des heimischen Fortschritts. Seit der Schließung im Juli 1960 ging und geht es mit der einst größten Schaumburger Zechenanlage bergab. Die Idee, die 15 Hektar große Industriebrache vor den Toren Stadthagens zu einem Kultur- und Landschaftspark umzugestalten, wurde 2006 vom Stadtrat nach langem Hin und Her verworfen. Derzeit liegen Kommunalpolitiker und Wutbürger wegen der geplanten Ansiedelung eines Asphalt-Mischwerks im Clinch.

Ein solch glanzloses Ende hätten sich die Gründungsväter des Betriebs nicht vorstellen können. „Hier ist für die Zukunft ein neuer Zentralpunkt geschaffen zur Förderung der schwarzen Schaumburger Diamanten“, war bei der Einweihungsfeier am 8. Dezember 1902, also vor ziemlich genau 110 Jahren, zu hören. Der Stolz der Festredner war berechtigt. Innerhalb weniger Monate war im Stadthäger „Stockfeld“ eine der damals europaweit fortschrittlichsten Erzförderanlagen aus dem Boden (und in die Erde) gestampft worden.

Das Herzstück war ein 244 Meter senkrecht „abgeteufter“ Förderschacht. Um ihn herum gruppierte sich ein weit verzweigter Komplex hochmoderner Weiterverarbeitungsanlagen und Funktionsbauten, darunter eine Kokerei, ein Elektrizitätswerk, ein 26 Meter hoher Wasserturm sowie diverse Kessel-, Maschinen-, Werkstatt-, Kauen- und Verwaltungsgebäude. Auf dem neuesten Stand war auch das gleisgebundene Transportsystem. Erstmals in der heimischen Bergbaugeschichte konnte auf den Einsatz von Pferden verzichtet werden.

Die knapp vier Millionen Mark für den Georgschacht waren nicht die einzige Investition, die Anfang des 20. Jahrhunderts in die Modernisierung der heimischen Förderanlagen gesteckt wurden. Wenige Monate vor der Einweihung der Stadthäger Anlage war in Obernkirchen ein neuer („Lieth-“)- Stollen aufgefahren worden. Später ging dort ganz in der Nähe auch eine Brikettfabrik in Betrieb.

Geldgeber und Bergherren waren zu gleichen Teilen das Fürstenhaus Schaumburg-Lippe und das Königreich Preußen. Die Berliner waren 1866 durch die Einverleibung der bis dato hessischen Grafschaft Schaumburg ins Geschäft gekommen. Zur Planung und Umsetzung der gemeinschaftlichen Interessen diente ein in Obernkirchen ansässiges „Gesamtbergamt“.

Ende des 19. Jahrhunderts kam man überein, die hiesige Bergbauindustrie zu modernisieren. Auslöser war der zunehmende Konkurrenzdruck. Die heimische Kohle war zwar gut, ihr Abbau wegen der geringen Flözstärke jedoch überaus teuer und kostenintensiv. Eine Überlebenschance gegenüber dem aufstrebenden Ruhrgebiet schien nur bei Einsatz modernster Förder- und Weiterverarbeitungstechnik gegeben zu sein.

Mit der Inbetriebnahme des Georgschachts verlagerte sich das Zentrum des Tiefbaus vom Nienstädter Osterholz in Richtung Stadthagen. Bei den Kumpels war deshalb noch lange von „Neu-Osterholz“ die Rede. Offiziell wurde die neue Anlage nach dem damals amtierenden schaumburg-lippischen Fürsten Georg benannt. Der nahm die Ehrung während der Einweihungsfeier huldvoll entgegen. Besonders beglückt wegen des Zuzugs zeigte sich Stadthagens Bürgermeister Ocker. Damit sich beim Rundgang keiner der Ehrengäste die Stiefel schmutzig machen musste, war das ganze Areal mit Tannenzweigen bedeckt. Nach der Besichtigung fuhr die Gesellschaft mit dem Zug nach Bückeburg. Dort wurde im Schloss ein Fürstendiner serviert.

Zuvor hatte der Chef des neuen Schachts, Bergwerksdirektor Schultze, den hohen Herren die Betriebsabläufe erklärt: Die unter Tage verfüllten und mittels Förderkorb hochgebrachten Wagen wurden auf die „Separation“, eine Art schwingendes Sieb, gekippt. Die Feinkohle kam in die Koksöfen, die größeren Brocken gingen als Schmiedekohle direkt zur Verladestation.

Ein besonderes technisches Highlight war das Elektrizitätswerk. Als Energielieferant diente der in der Kokerei anfallende Dampf. Die in zwei, jeweils 500 PS starken Kolbenmaschinen produzierte Strommenge reichte aus, um auch die Obernkirchener Betriebsstätten mitzuversorgen.

Auf dem neuesten Stand war auch die mit 60 Einzelöfen bestückte Koksbrennerei. Der Jahresausstoß lag bei gut 80000 Tonnen. Das Gros ging an die heimischen Glashütten. Dank modernster Technik konnten sowohl die anfallende Wärme (zur Heizung) als auch die frei werdenden Gase (zur Gewinnung von Teer und Ammoniak-Kunstdünger) genutzt werden. Das trug wesentlich zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit bei.

Keine Rolle spielte vor 110 Jahren das Thema Umweltschutz, obwohl es – vor allem als Folge der Stilllegung des alten Osterholz-Schachts – zu einer für jedermann sichtbaren und spürbaren Verbesserung gekommen war. „Die Gase entwichen frei und unausgenützt in die Luft und richteten auf Feldern und in Gärten vielen Schaden an“, beschrieb der bekannte Heimatchronist Wilhelm Wiegmann später den verheerenden Schadstoffausstoß der alten Osterholz-Kokerei. Auch optisch hatte sich laut Zeitzeuge Wiegmann viel getan. Die „riesige (Osterholzer) Nachtlaterne, die seit 1840 unaufhörlich gebrannt hat“, sei erloschen, „heute leuchtet das neue Kokswerk, der Georgschacht, mit seinen strahlenden elektrischen Flammen in feenhafter Schönheit weit in die Lande“.

Repros: gp
Diese im Jahr 1930 entstandene Luftaufnahme macht die Größe des Industrie-Komplexes deutlich