Für Wesertal lief's nicht immer rund

SONDERBERICHT
Dienstag, 3 Juli, 2012
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Landkreise Hameln/Grafschaft Schaumburg

Von Wolfhard F. Truchseß
In diesen Tagen feiert mit Wesertal ein Unternehmen sein 100-jähriges Bestehen, das es eigentlich gar nicht mehr gibt. Denn das „Elektricitätswerk Wesertal“ wurde 1999 verkauft. Erst an die finnische Fortum-Gruppe, dann an den deutschen Energie-Riesen e.on. Ein Blick zurück zu den Anfängen der öffentlichen Stromversorgung.

War die Landung der ersten Menschen auf dem Mond „ein großer Schritt für die Menschheit“, so darf ein ganz besonderer Vertragsabschluss am 27. Juni 1912 durchaus als ein großer Schritt für das Weserbergland in die Moderne bezeichnet werden. Denn an jenem Tag unterzeichnete die Allgemeine Elektricitätsgesellschaft Berlin (AEG) ihre Stromlieferungsverträge mit den Landkreisen Hameln, Grafschaft Schaumburg und – knapp einen Monat später – mit dem Landkreis Holzminden, der den Bau einer Überlandzentrale und damit den eines Kraftwerks beinhaltete, das die drei Kreise sowie die Städte Alfeld und Höxter mit Strom versorgen sollte.

Dass man sich in der Folge entschied, das Kraftwerk in der Gemarkung von Afferde zu errichten, lag an der verkehrstechnisch günstigen Lage des Ortes, aber auch am Vorhandensein der örtlichen Kiesteiche, der ehemaligen „Tönebönschen Kiesschächte“, denn für das Betreiben eines Dampfkraftwerks wurden ausreichende Mengen an Kühlwasser benötigt. Vor allem aber hatte man mit der Stadt Hameln und ihren damals 22000 Einwohnern einen Großabnehmer direkt vor der Kraftwerkstür. Der Berliner „Electricitäts-Lieferungs-Gesellschaft“ (ELG), einer Tochter der AEG, wurde dazu das Recht eingeräumt, die Kreisstraßen für über- und unterirdische Starkstromleitungen für die Dauer von 45 Jahren zu nutzen. Es war die Geburtsstunde der Gesellschaft „Elektricitätswerk Wesertal“.

Fast jede Stadt und sogar etliche Dörfer hatten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eigene Stromerzeugungsanlagen, die aber häufig sehr unterschiedliche Spannungs- und Stromarten aufwiesen, weswegen sie nicht miteinander vernetzt werden konnten. Auch ihre Zuverlässigkeit ließ meist zu wünschen übrig. Deshalb waren sie in der Konkurrenz zu damals bestehenden anderen Antriebsarten wie Dampfmaschinen, Gas- oder Ölmotoren wirtschaftlich meist unterlegen. Aus diesem Grund drängten zu jener Zeit wirtschaftlich weitblickende Menschen auf eine Großerzeugung von Strom und eine Vereinheitlichung der Spannungsverhältnisse.

Die Errichtung des Kraftwerkes Wesertal markierte „den Übergang von dezentraler privatwirtschaftlicher zu zentraler öffentlicher Elektrizitätswirtschaft“, wie der Wirtschaftshistoriker Andreas Beaugrand in seiner 1992 an der Universität Bielefeld vorgelegten Dissertation über die Geschichte des Unternehmens Wesertal schreibt.
Die Begeisterung der Privathaushalte und der Wirtschaftsbetriebe über die Möglichkeit, sich mit Elektrizität zu versorgen, scheint nicht sonderlich groß gewesen zu sein; zumindest startete die ELG im November 1912 eine intensive Werbekampagne für das neue Kraftwerk und richtete in Hameln in der Bahnhofstraße und in Holzminden zwei Verkehrs- und Installationsbüros ein, führte „Aufklärungsfahrten“ im künftigen Versorgungsgebiet durch, hielt Vorträge, verteilte Flugblätter und sorgte für eine umfassende Plakatierung. Anfang März 1913 begannen dann die Ausschachtungs- und Betonierungsarbeiten auf dem Kraftwerksgelände, das die ELG aus der Konkursmasse der „Kieswerke Hameln-Afferde A.-G.“ erworben hatte. Projektiert war ein Kraftwerk mit acht Kesseln, dessen erste Baustufe nach zehn Monaten abgeschlossen war. Am 7. Oktober 1913 nahm das neue Kraftwerk mit zunächst zweimal 4200 Kilowatt Leistung seinen Betrieb auf.

Der Ausbau des Überlandnetzes machte 1913 und 1914 erhebliche Fortschritte. Die erste Starkstromleitung wurde über Eschershausen nach Holzminden verlegt, fast gleichzeitig wurden Osterwald und Deckbergen angeschlossen und damit das Netz der früheren Überlandzentrale Rinteln erreicht, die ein Gebiet bis nördlich des Wesergebirges versorgte. Insgesamt wurden bis zum Beginn des Jahres 1914 etwa 30 Ortschaften der Kreise Hameln, Holzminden und der Grafschaft Schaumburg über 25 Leitungen versorgt. Doch geriet der Ausbau während des Ersten Weltkrieges zunehmend ins Stocken, zumal viele Haushalte noch immer auf Petroleum als Heiz- und Beleuchtungsmittel setzten. Bis Ende 1918 waren 133 Ortschaften mit 11205 Abnehmern im Versorgungsgebiet an das Kraftwerk angeschlossen, wie Beaugrand schreibt. Dennoch blieb der größte Teil des Kreises Hameln bis Ende 1919 ohne Stromversorgung.

Dass der Kraftwerksbetrieb gerade in dieser Zeit nicht immer störungsfrei lief, lag vor allem an fehlendem Betriebsmaterial: Technische Störungen ließen sich häufig nicht schnell beheben, auch führte die Kohleknappheit nach dem Ersten Weltkrieg zu Kraftwerksstilllegungen. Im Februar und März 1919 waren die Kraftwerksbetreiber mehrere Wochen lang gezwungen, die Stromlieferungen von 23 Uhr bis 6 Uhr am Morgen ganz zu stoppen. Ein Zustand, der wegen Bergarbeiterstreiks im Ruhrgebiet bis 1922 immer wieder vorkam.

Das Fürstentum Lippe hatte lange gezögert, sich einer modernen zentralen Energieversorgung mit Elektrizität zu öffnen. Der Gleichstromgenerator im Fürstenhaus in Detmold darf eher als Kuriosität denn als Aufbruch in die Moderne gelten. Hinzu kam, dass das Land Preußen die Genehmigung einer Leitungsquerung der Weser und der Eisenbahnlinie Hameln-Altenbeken verweigerte, um die Interessen der Kraftwerke Minden-Ravensberg und Hannover zu schützen. Erst nach langen Debatten wurde am 14. Juli 1914 dann doch der Vertrags zwischen der ELG und dem Fürstentum über die „Staatliche Überlandzentrale für Lippe“ geschlossen, die nach Darstellung von Beaugrand faktisch ihren Sitz in Hameln hatte.

Zur Gründung der eigenständigen Elektrizitätswerk Wesertal GmbH kam es im Jahr 1919, weil sich die ELG weigerte, den vertraglich vereinbarten Leitungsausbau zu den 1912 vereinbarten Bedingungen fortzuführen und stattdessen von den anzuschließenden Gemeinden verlorene Baukostenzuschüsse in Höhe der Differenz zwischen Vor- und Nachkriegspreisen verlangte. Die Diskussionen darüber endeten schließlich mit einem Angebot der Landkreise an die ELG, das Kraftwerk inklusive der kompletten Infrastruktur und des Leitungsnetzes für 7,5 Millionen Mark zu übernehmen. Es war ein Angebot, das von den Berlinern schließlich im Wesentlichen akzeptiert wurde und am 19. Dezember 1919 zur Gründung der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH führte. Als deren erster Geschäftsführer fungierte der Diplom-Ingenieur G. Bertelsmeier. Am Ende wurde das Gesamtpaket einschließlich des Bau- und Stromlieferungsvertrages mit dem Freistaat Lippe für 9066000 Reichsmark an die vier beteiligten Kreise verkauft und alle Verträge und Vereinbarungen am 30. Dezember 1919 urkundlich beglaubigt.

Damit war der Freistaat Lippe zu gleichen Teilen mit den Kreisen Hameln, Schaumburg und Holzminden an dem neuen Unternehmen beteiligt. Ein Umstand, der später zu schweren Differenzen zwischen Lippe und den anderen Gesellschaftern führte, weil aus der Sicht des Freistaates der finanzielle Nutzen bei der Abführung bestimmter kommunaler Steuern vor allem der Stadt Hameln und dem Landkreis Hameln zugute kam. Es war ein Streit, der über Jahre auch vor den Gerichten ausgefochten wurde, ohne dass Lippe Recht erhalten hätte. Nach den Recherchen von Beaugrand wurde Lippe ein Vergleich aufgezwungen, der die Forderungen unberücksichtigt ließ und erst 1949 aufgehoben wurde.

Während der Nazi-Zeit wurde „Wesertal“ voll in das NS-Wirtschaftssystem integriert. Die Verantwortlichen versuchten, die Elektrizität im Sinne der „Blut-und-Boden“-Ideologie auch auf dem Land und in den bäuerlichen Betrieben zu verbreiten. Massiv beteiligt war „Wesertal“ nach Darstellung von Beaugrand an der Umsetzung des ersten „Reichserntedankfestes“ auf dem Bückeberg. Kilometerlange Leitungen wurden gelegt, Transformatoren aufgebaut und für die komplette Ausleuchtung gesorgt. Auch das Verwaltungsgebäude in der Bahnhofstraße wurde gemäß der NS-Ideologie ausgestattet, Veranstaltungen wurden inszeniert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schloss sich „Wesertal“ 1952 mit den Stadtwerken Bielefeld und dem Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg (EMR) zu einer Interessen- und Arbeitsgemeinschaft zusammen, der „Interargem“. Das Kraftwerk Afferde diente zu dieser Zeit nur noch der Abdeckung des Spitzenbedarfs, zwei Drittel des Wesertal-Strombedarfs wurden bereits von der Preussag AG bezogen. Mit dem steigenden Strombedarf kam es 1959 zum Bau des Gemeinschaftskraftwerks Weser bei Veltheim, das mehrfach erweitert wurde, ehe die „Interargem“ 1973 gemeinsam mit der Preussag AG beschloss, das Atomkraftwerk Grohnde zu bauen. Es ging Ende 1984 in den Probebetrieb und ist inzwischen Eigentum des Stromriesen e.on. „Wesertal“ baute zudem eine Fernwärmeversorgung auf sowie eine Müllverbrennungsanlage. Das (vorläufige) Ende von „Wesertal“ kam im Jahr 1999: Das Unternehmen wurde an den finnischen Energieerzeuger Fortum verkauft, der vergeblich versuchte, von Hameln aus den deutschen Markt zu erobern. Im Jahr 2003 übernahm e.on von Fortum die Wesertal-Anteile und bündelte das alte Hamelner Unternehmen mit der Paderborner Elektrizitätswerk und Straßenbahn AG (PESAG) sowie EMR zu e.on Westfalen Weser. Dieses Unternehmen fungiert als Netzbetreiber, der es heute schwer hat, von den Gemeinden die Konzessionen verlängert zu bekommen.

Was der Landkreis Schaumburg mit dem Geld aus dem Verkauf seiner Anteile gemacht hat, lesen Sie auf Seite 17.

Foto:
Bau des "Wesertal"-Kraftwerkes in Afferde. Am 7. Oktober 1913 nahm es den Betrieb auf.