Ein Stück lebendiges Mittelalter im Weserbergland

SONDERBERICHT Ausflugsziel: Die Schaumburg auf dem Nesselberg / "Burgmannsgeschichte" berichtet über historische Ereignisse
Samstag, 10 September, 2011
erschienen in: 
Schaumburger Nachrichten

Schaumburg

Von Karlheinz Poll
Ganz klar, ob wir Verwandte aus Göttingen oder Freunde aus Kanada zu Gast haben, ein Besuch auf der im 11. Jahrhundert erbauten Schaumburg steht immer auf dem Programm, ist für auswärtige Gäste quasi Pflichtbesuch. Wie oft waren wir selbst schon auf der Höhenburg am Nesselberg? Egal, die Gäste sind jedenfalls begeistert – und das freut uns. Abgesehen davon kommen wir als Einheimische gern auf die Burg, die das Schaumburger Land wie kein anderes Bauwerk prägt, wo schließlich die Wurzeln des Landkreises zu finden sind.

Es ist schon viel über die mittelalterliche Burganlage geschrieben worden. Zahlreiche Sagen ranken wie Dornengestrüpp um ihre Historie. Da gibt es die Geschichte der jungen Frau, die als Hexe verurteilt wurde und vor ihrer Hinrichtung auf dem Vorplatz der Burg einen Lindenzweig in die Erde steckte, der sich zu einem mächtigen Baum entwickelte. Dann ist da noch die Sage vom untreuen Grafen, der es in einer Höhle oberhalb der Schaumburg mit einem hübschen kleinen Wichtel-Weibchen trieb. Die Fabeln lassen sich dort oben auf der Burg in Gedanken nachvollziehen. Ob Sie es glauben oder nicht: Bei einem Blick von der an der südlichen Befestigungsmauer befindlichen „Himmelpforte“, einem verzierten Eisentor, hinter dem der Abhang steil abfällt, kommen diese Gedanken auf, sieht man unten – auf der heutigen B 83 – die Planwagen der fahrenden Händler in Richtung Hameln ziehen, die Hirten mit Kühen auf der Weide, im Hintergrund den blinkenden Flusslauf der Weser und die stolzen Ritter hoch zu Pferde, auf dem Weg zur Burg.

Kürzlich ist mir ein altes Buch in die Hände gefallen. Der Autor und Pastor Ludwig Spitta (1845 - 1901), der einige Jahre im Kloster Loccum, in der Nähe von Celle, in Deckbergen und als Stadtprediger in Hameln tätig war, hat in diesem Buch mit dem Titel „Hans Sumenicht der Schildknecht“ eine „Burgmannsgeschichte aus dem Wesertale“ niedergeschrieben. Spitta lag es daran – so im Vorwort – „die an die Linde vor dem Burgtore der Schaumburg sich knüpfende, auf die Regierungszeit des Grafen Otto I. (1371 - 1404) zurückgehende Sage wiederzubeleben und und zur Einführung in ihre Umwelt jene mittelalterlichen Tage unserer heimatlichen Grafschaft in lebendigen Farben, wie sie die seelische Einführung in die alten Chroniken und Urkundenbücher verlieh, wiedererstehen zu lassen“. Das Buch erschien in erster und zweiter Auflage 1891 und 1902 in Gotha und wurde 1927 vom Rintelner Verlag Bösendahl neu aufgelegt. Nachfolgend ein Auszug aus dem zweiten Kapitel, das mit „Auf Haus Schaumburg“ überschrieben ist. Graf Otto erwartet aus dem heiligen Land zurückkehrende Waller, auf deren Pilgerweg ein Bruder des Grafen verstorben war:

„Auf Haus Schaumburg über der Weser aber stand in dieser Zeit an einem hellen Tag Graf Otto und blickte stille sinnend in die glänzende Landschaft zu seinen Füßen. Wie schön lag das alte Vaterheim hier oben auf der vorgeschobenen Kuppe des Nesselberges. Sein Ahne, Herr Ulf von Santersleben, hatte offenbar wohl gewusst, was er vorhatte, als er gerade hier an dieser Stelle der armen Hirtenhütte ein Jagdhaus und wenig später die Burg erstehen ließ. ‚Schau’ne Burg!‘ hatte dessen Gönner, Kaiser Konrad II., mit beifälligem Lächeln ausgerufen, als er bei einem Zuge durch das Wesertal des sichern Hauses ganz unerwartet nach kurzer Baufrist ansichtig ward und Mühe hatte, den Bischof von Minden, von welchem Herr Ulf den Nesselberg mit den Jagdgründen des Süntels zu Lehen trug, über die rasch entstandene Bergfeste zu beruhigen. Obschon bei weitem nicht die vornehmste Spitze, sondern rückwärts gegen Morgen nur wie ein Vorposten an den höhersteigenden Hauptzug der Berge des rechten Weserufers angelehnt, bot dieser Burgberg sich doch gar prächtig dar zu einem Rittersitz. Vor ihm im Tal vielfach gewunden der große Strom, wie eine Riesenschlange silbern in der Sonne gleißend. Südwärts bis Hameln, nordwärts bis weit über Rinteln hinaus dieser flutenden Heerstraße des Reiches ansichtig, konnte das Auge des Burgmannes doch vor sich stracks in das lippische Bergland schauen. Stromauf, stromab aber lagerten zahlreiche Dörfer und Weiler das Tal entlang. Ja, hier oben in der Umarmung der Wälder, die frischen Duft und stilles Rauschen täglich in den Burghof sandten, allein und frei, in nächster Nähe an den von Wildrosen bewachsenen Berghängen nur das Dörflein Rosenthal und weiter unten einige Meierhöfe, hier war gut sein, und auch Graf Otto empfand das, wie er es schon oft empfunden, als er an diesem Frühlingstage am Fensterbogen seiner Kemnate in die Weite blickte.

Dem Grafen klopfte das Herz, als er den Platz am Fenster verließ und auf den Burghof hinaustrat, wo sich bereits das gesamte Hofgesinde eingefunden hatte und auf den Horngesang des alten Ewerd Bose lauschte, der als Tornemann von oben die Nahenden anmeldete. Seit gestern stand alles zum Empfang bereit. Viel treuer Gruß und leibliche Erquickung sollte den fern übers Meer gefahrenen Brüdern doch werden, wenn sie auch den nicht wiederbrachten, der vor Jahresfrist an ihrer Spitze ausgezogen war. Herr Otto selber hatte das alles so geordnet, und gar manchen, der sonst seines Dienstes anderswo zu warten hatte, hatte diese Stunde vor das Herrenhaus gelockt. Jetzt erscholl den waldigen Burgweg herauf ernster Männergesang. Es war das alte rührende, schon seit den Kreuzzügen übliche Kirchenlied ‚In Gottes Namen fahren wir‘, und manch einem ward das Auge feucht, da er die wohlbekannten Stimmen hörte. Das Burggesinde drängte dem Tor und der Zugbrücke zu, wo Gerd Bleidistel, der Pförtner, bereits mit abgezogener Lederkappe stand und die Ankommenden einreiten lassen wollte. Jetzt schlugen die ersten Pferdehufe das Steinpflaster unter dem Torbogen. Der Gesang verstummte. Da bogen sie durch die Vorburg auf den inneren Hof. Voran Arnd von Zersen und Bolquin von Welsede mit Pater Jordan, dann Brun von der Molen, Albert von Post, Johann von dem Busche, Johann Redequade und Hans Sumenicht mit den reisigen Knechten. Im Nu waren alle Häupter entblößt und ein einziger, langgezogener Heilruf schwang aus der Menge sich auf. Dann war es totenstill. Die Ritter und Knechte waren aus ihren Sätteln gesprungen, lagen wortlos auf ihren Knien und küssten, sich segnend , die heimatliche Erde. In tiefer Bewegung trat Herr Otto unter sie und schloss Arnd von Zersen in seine Arme. ‚Ihr habt ihn nicht wiedergebracht, aber als die Getreuen seid Ihr selber wiedergekehrt; nun seid Ihr bei mir daheim und gottwillkommen!‘ so sprach er mit bebenden Lippen. ‚Gott hat’s gelitten‘, erwiderte Arnd, indem er mit Tränen die Hand des Grafen küsste, ‚aber jeder von uns wäre gern an seine Stelle getreten, damit Ihr ihn wiederhättet. Das glaubet für gewiss!‘ ‚Ich weiß es‘, war Herrn Ottos Antwort, ‚und werde solcher Treue stets eingedenk bleiben. Jetzt aber rastet, Ihr Lieben, von Eurem Wallweg!‘ Zu jedem der Wallbrüder, auch den Knechten, tretend, grüßte er alle hierauf mit linden Worten. Dann geleitete er die Herren hinauf in den Saal, wo ihnen die Abendspeise gerüstet war, während der Schwarm des Burggesindes die Knechte umringte und mit sich nahm, um ihnen zu erweisen, wie man lieben Pilgersleuten tut, die lang und ferne über Meer gewesen.“

Soweit die romantisierende Erzählung von Ludwig Spitta. Unternehmen Sie einen Ausflug auf die Schaumburg. Sie werden auf der Burganlage nachvollziehen können, was der Autor vor 120 Jahren niedergeschrieben hat. Ob am unteren Burgtor, Georgsturm, Glockenturm, an der „Himmelspforte“ oder in der Burggaststätte mit Blick in das Wesertal: die Schaumburger Geschichte lebt!