Ein besonderes Ziel

SONDERBERICHT: Ein trutziges Militärsymbol? Ein putziges Beispiel von Kleinstaaterie? Erst Militärschule, später Staatsgefängnis - heute ein Anziehungspunkt für rund 60000 Touristen im Jahr: Grundsteinlegung vor 250 Jahren für die Insel Wilhelmstein
Samstag, 25 Juni, 2011
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Schaumburger Nachrichten

Landkreis Schaumburg

Von Jan Peter Wiborg
Minusgrade, dicke Flocken – das Steinhuder Meer ist in den ersten Tagen des Jahres 2010 in Weiß gehüllt. Bevor der Schneefall einsetzt, hat sich bereits eine Eisdecke gebildet. Nicht mächtig genug, um Menschen tragen zu können, zu gefährlich überdies, weil der Schnee auch hauchdünn überfrorene Entenlöcher kaschiert. Selbst vom relativ nahen Südufer aus betrachtet, versinkt die Insel Wilhelmstein in einem Gemisch aus Grau und Weiß und wirkt wie ein Schatten aus einer anderen Welt.

Vom zufrierenden Meer überrascht, musste der Inselvogt Michael Zobel dort wochenlang ausharren, telefonisch und per Internet zwar mit dem Rest der Welt verbunden und mit genügend Vorräten versehen.

Seine spektakuläre „Rettung“ mit dem Luftkissenboot der Feuerwehr ging durch fast alle regionalen und überregionalen Medien in Europa und in Übersee. Unvorstellbar, so hieß es, dass mitten im dicht besiedelten Westeuropa eine solche Situation – abgeschnitten von der Außenwelt – entstehen konnte.

Was Zobel bei seiner nicht geplanten Aktion nicht ahnen konnte, er aber durch viele Besucher im darauf folgenden Sommer und sogar bis heute bestätigt bekam: Eine bessere Werbung hätte es für das künstliche Eiland im größten niedersächsischen Flachsee nicht geben können. Sein unfreiwilliger Aufenthalt hatte an den Nimbus erinnert, den der „Erfinder“ und Erbauer seinen „Wilhelms Insuln“ zugedacht hatte: „uneinnehmbar“ zu sein.

Dieser Nimbus ist eng verbunden mit dem, was vielfach als „Schaumburger Identität“ bezeichnet wird und in dem Widerstand Schaumburg-Lippes gegen die Besetzung des Landes durch die Truppen aus Hessen-Kassel Ausdruck findet.

Das ganze Land war besetzt – bis auf den Wilhelmstein (klingt stark nach Asterix und Obelix). Damit sei die notwendige Zeit für einen Rechtsstreit gewonnen worden, bei dem sich das Königreich Hannover und Preußen erfolgreich für die Selbstständigkeit des kleinen Nachbarn eingesetzt haben.

Die Händel vor Gericht wären auch ausgetragen und entschieden worden, wenn auch der Wilhelmstein besetzt gewesen wäre. Trotzdem oder gerade deswegen ist diese Insel – heute in der Region Hannover gelegen – damit bis heute zentral für den historischen Gedanken schaumburg-lippischer Unabhängigkeit.

Früher Militärschule und Gefängnis, heute Ausflugstipp
„Ein besonderes Ziel“ – Der Wilhelmstein hat eine interessante Geschichte

Das „Zeugnis einer untergegangenen Welt“ haben Silke Wagener-Fimpel und Martin Fimpel die Insel in ihrer Dokumentation genannt und kenntnisreich die Entstehung und Philosophie für den Wilhelmstein beschrieben, die den Mittelpunkt der ausgeklügelten Verteidigungsstrategie bildete. Wilhelm hatte ein Modell ersonnen, bei dem es nach seiner Einschätzung einen Angreifer nahezu unmöglich gemacht werden sollte, sich eines Landes zu bemächtigen, das auf diese Weise – so sein zweiter Gedanke – attraktiv für Bündnispartner werden sollte.

Die Bauarbeiter Wilhelms sind an einem Wintertag des Jahres 1761 über das Eis des Meeres zu der Stelle gelangt, um einen Stein im Meer zu versenken, den der Graf selbst mit seinem Namen versehen hatte. Dem Projekt, das an uneinnehmbarer Stelle rund anderthalb Kilometer vom schlammigen und morastigen Ufer entfernt entstehen sollte, gab der Landesherr den Namen „Wilhelms Insuln“. Außer einer Hauptinsel, dem Wilhelmstein“, sahen seine Zeichnungen sechzehn weitere Inseln vor.

Graf Wilhelm zwang die Bevölkerung, von nah und fern, Baumaterial zu liefern. Zwar zahlte er für diese Frondienste, aber offenbar nicht gut genug. 1762 – der Graf weilte gerade in Portugal – kam es zu einem förmlichen Aufstand der Steinhuder Fischer, müde davon, ihre Schiffe für den Landesherrn opfern zu müssen.

Vier Jahre lang ging die Plackerei weiter, bis sich schließlich die ersten Steine oberhalb der Wasserfläche zeigten. Es entstand auf einem starken Rost aus Eichenholz die Sternschanze, der eigentliche Wilhelmstein. Aus weiteren schweren Steinblöcken, die herantransportiert werden mussten, bauten die Arbeiter die Tenaillen, die Kasematten, unter anderem mit den Unterkünften für die Soldaten. Obendrauf hatte Wilhelm ein Schlösschen für seine Kommandanten und Offiziere vorgesehen, und als Krönung entstand ein Turm mit Observatorium, in dem Durchlaucht seine astronomischen Studien treiben wollte.

Nicht nur ein Gürtel kleiner Außeninseln umgab den Wilhelmstein, das militärische Modell umfasste am südlich gelegenen Hagenburger Ufer das „Wilhelmsteiner Feld“, das bis an das Hagenburger Schloss und entlang des eigens für den Bau des Wilhelmsteins ausgehobenen Hagenburger Kanals heran militärisch befestigt war.

802 Soldaten, so wollte es Wilhelm, sollten auf der Insel im Kriegsfall stationiert sein, zu Anfang lebten rund 200 Soldaten ein so tristes Leben auf der Insel, dass niemand länger als zehn Tage am Stück dort Dienst tun musste.

Doch die Modelllandschaft des Grafen hielt nicht lange, unmittelbar nach seinem Tod räumte die Bevölkerung zumindest das „Wilhelmsteiner Feld“ als Baumaterial ab.

Noch 1767 hatte der Graf eine Militärschule, eine ambitionierte Ausbildungsstätte für Offiziersanwärter der Artillerie, einrichten lassen, mit einem regelrechten Schulbetrieb in Theorie – unter anderem waren ein Kartensaal und eine Bibliothek vorhanden – und Praxis, von der unter anderem eine kleine Gießerei zeugte. Unter den 44 Offiziersanwärtern, die Wilhelm bis zu seinem Tod auf der Schule aufnahm, ragt – rückblickend gesehen – der spätere General Gerhard von Scharnhorst heraus. 1778 zog Wilhelms Nachfolger Phillip Ernst die Schule zu sich in die Residenzstadt Bückeburg.

Der Ingenieur, Geograf und Offizier in den Diensten des Grafen, Jakob Praetorius, Lehrer an der Militärschule, ersann mit dem „Steinhuder Hecht“ das erste deutsche U-Boot, von dem nicht letztlich klar ist, ob auch wirklich ein Prototyp seine erste Tauchfahrt im Meer unternommen hat.

Anfang des 19. Jahrhunderts sind die Gräben zwischen den Inseln zugeschüttet worden. Aufgrund der Insellage geriet der Wilhelmstein nach der Schließung der Militärschule immer mehr zum ausbruchssicheren Ort für die Unterbringung von Gefangenen und schließlich zum Staatsgefängnis. In feuchten Verliesen mussten die Gefangenen ihre Strafe absitzen, wenigen gelang die Flucht. Erst 1867 überführten die letzten abrückenden Militärs der sich auflösenden schaumburg-lippischen Armee die Gefangenen in andere Gefängnisse.

Fast exakt 100 Jahre zuvor hatte eine andere Entwicklung begonnen: Das Fremdenbuch verzeichnet die ersten Besucher auf der Insel, meist Adelige oder Militärs mit persönlicher Genehmigung der Grafen.

Mehrere Hundert Gäste, denen auch die Strafgefangenen als Attraktion vorgeführt wurden, hatte der Wilhelmstein an der Schwelle zum 19. Jahrhundert jährlich. Der Inselverwalter übernahm nach der Schließung des Gefängnisses auch die Bewirtung der Gäste.

Die 60000 jährlichen Besucher der Insel bewirten – das muss der heutige Inselvogt Michael Zobel nicht mehr. Dafür kümmert er sich unter anderem zusammen mit seiner Frau um die touristische Infrastruktur, eröffnete einen kleinen Inselladen und betreut die – hervorragend nachgefragten – Buchungen für Übernachtungen. Sein Name ist inzwischen nicht nur mit der unfreiwilligen Eiszeit, sondern mit dem Wandel auf dem Wilhelmstein verbunden. Die Fürstliche Hofkammer in Bückeburg als Besitzerin der Insel hat nach der Renovierung der Häuser mittel- bis langfristig die notwendige Sanierung der Inselfestung nicht aus dem Auge verloren. Geworben wird natürlich mit der Militär- und Strategiegeschichte des Eilandes, aber so manch’ kreativer Akzent, wie die jährlichen Kunstausstellungen in den „Kleinen Glashäusern“, sind inzwischen dazugekommen.

Die Insel bleibt ein besonderes Ziel. Das sehen auch die Wirte Achim Strüwe und Edgar Miller so, die mit viel Liebe und Geld die Gastronomie unter dem Namen „Die Insel“ auf dem Wilhelmstein wieder in eine absolut vorzeig- und genießbare Qualität gebracht haben.

Die nahezu quadratische Insel mit rund 100 Metern Kantenlänge wird gegenwärtig wieder zum Anziehungspunkt für Segler, so wie sie es von Anfang an gewesen ist: Der erste Segelclub am Steinhuder Meer, aus dem später auch der Hannoversche Yacht-Club hervorgegangen ist, wurde in der „Messe“ auf dem Wilhelmstein gegründet. Die Hofkammer tut ein Übriges: Aus Anlass des 250. Jahres seit der Grundsteinlegung können Segelboote in diesem Jahr kostenfrei anlegen.

Auch die „Schaumburger Landschaft“ gedenkt des Vierteljahrtausends und lädt für Sonnabend, 2. Juli, zu einem Geschichtstag auf dem Wilhelmstein ein, bei dem es ein Referat über die Entstehung des Steinhuder Meeres, eine Führung über die Insel, einen Vortrag „Mythos und Museum, der Wilhelmstein im 19. Jahrhundert“ und eine Krimi-Autorenlesung geben wird. Die Boote in Richtung Wilhelmstein legen um 11 Uhr an den Strandterrassen ab und sind gegen 17 Uhr wieder zurück