Das Mittelalter bestimmt unser Tun

SONDERBERICHT: "Entfremdung" seit mehr als 800 Jahren: Die Geschichte der schaumburg-mindischen Grenze
Samstag, 5 Februar, 2011
erschienen in: 
Schaumburger Nachrichten

Schaumburg

Von Wilhelm Gerntrup
Die Entwicklung ist atemberaubend. Die Welt wird kleiner und internationaler. Dank Internet und Fernsehen sind wir überall und jederzeit dabei. Für Geldspekulanten und Wirtschaftsbosse gibt es schon längst keine Grenzen mehr.

Angesichts solch tief greifender Veränderungen wirkt es verwunderlich, dass unser Dasein vor Ort nach wie vor innerhalb althergebrachter, kleinräumiger Trennungslinien reglementiert wird. Eine der zähesten und undurchlässigsten ist die bereits vor mehr als 800 Jahren „errichtete“ schaumburg-mindische Grenze. Einst unterteilte sie die Bewohner der hiesigen Mittelweserregion in preußische, hessische und schaumburg-lippische Untertanen. Heute ordnet sie die hierzulande lebenden Menschen den Kreisen Minden und Schaumburg und den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zu. Äußerlich tritt sie kaum noch in Erscheinung. Schlagbäume und Zöllner gibt es nicht mehr. Auch die alten Grenzsteine sind – bis auf wenige Ausnahme – verschwunden.

Umso deutlicher greift die mittelalterliche Barriere in das bürgerschaftliche Zusammenleben ein. Wo und wie die diesseits und jenseits des „Schnatbachs“ (von „schnat“ = Grenze, Gewässer zwischen Rinteln, Todenmann und Eisbergen) und der „Schermbeeke“ (von „schieren“ = trennen, Bach zwischen Kleinenbremen, Luhden, Selliendorf, Knatensen und Bückeburg) zur Welt kommenden Kinder Rechnen und Schreiben lernen, in welche Richtung der Müll abgefahren wird, wie viele Abgaben und Steuern zu zahlen sind und welcher Notarzt am Wochenende aufgesucht werden soll, wird – wie eh und je – von den beiderseits der Ufer herrschenden Obrigkeiten entschieden. Ein gemeinsames Nachdenken der hüben wie drüben vor sich hinwerkelnden Politiker und Amtspersonen scheint schwierig, grenzübergreifende Gemeinde- und Gebietsreformen sind nicht vorstellbar.

Die Anfänge der „Entfremdung“ reichen ins späte 12. Jahrhundert zurück. Bis dato gehörte das Gebiet zwischen Teutoburger Wald und Leine zum westfälischen Herzogtum Sachsen. Um 1180 entstand durch Absetzung des damaligen Herzogs Heinrich („der Löwe“) eine Art Machtvakuum. Es entbrannte ein heftiger Nachfolgestreit. Die besten Karten in der hiesigen Gegend hatte das 400 Jahre zuvor von Karl dem Großen gegründete Hochstift Minden. Der Einfluss der dort residierenden Bischöfe reichte über die Städte Wunstorf und Hameln hinaus.

Als Konkurrenten um die Vorherrschaft traten die Burgherren von „Hus Berge“ (Hausberge), von „Hus Aren“ (bei Evesen) und das seit 1181 reichsunmittelbare Stift Obernkirchen auf den Plan. Außerdem mischten mehr und mehr auch die energisch vordringenden Herren von der „Scowanburg“ (Schaumburg) mit. Während der folgenden 350 Jahre ging es hoch her. Gewaltsame Übergriffe konnten oft nur dank der traditionell engen verwandtschaftlichen Bande verhindert oder beigelegt werden. Historischer Hintergrund: Des Öfteren saßen Angehörige der Grafendynastie auf dem Mindener Bischofsthron.
Ein neuer Beziehungsabschnitt begann, als das Bistum nach dem Dreißigjährigen Krieg an die Preußen fiel. Die Trennlinie zwischen der neu gegründeten Provinz Minden-Ravensberg und dem mittlerweile in einen hessischen und einen lippischen Teil aufgeteilten Schaumburger Territorium verfestigte sich. Erbittert gestritten wurde jedoch weiterhin um die Siedlungsgebiete Todenmann, Kleinenbremen, Frille und Wiedensahl, den Schaumburger Wald, das Gut Dankersen bei Rinteln und das „Gevatterfeld“ in der Nähe von Bückeburg. Nutznießer waren nicht zuletzt die „Schleichhändler“. Besonders einträglich war der Schmuggel von Salz. Es war ein gefährliches Geschäft. Allein im Jahre 1837 wurden von den preußischen Gendarmen zehn Schaumburger Grenzgänger erschossen und neun weitere lebensgefährlich verletzt.

Der erste Versuch, die Streitereien und Missstände per Vertrag zu entschärfen, ging 1653 über die Bühne. Echte Fortschritte gab es jedoch erst 230 Jahre später, als Preußen nach der Annexion von Hannover und Hessen das Mini-Fürstentum Schaumburg-Lippe von allen Seiten bedrohlich eingekesselt hatte. Im 20. Jahrhundert sah es eine Zeit lang so aus, als könne das leidige Dauerthema ein für alle Mal ad acta gelegt werden. Die Weimarer Regierung hatte sich die Abschaffung der Kleinstaaterei und die Bildung großdeutscher Provinzen auf die Fahnen geschrieben. Für die Verwirklichung des Plans sorgten dann allerdings nach 1933 – auf ihre Weise – die NS-Machthaber. Die hiesige Region wurde kurzerhand dem neu geschaffenen „Gau Westfalen-Nord“ zugeschlagen. Gauleiter und Hitler-Gefolgsmann Alfred Meyer war damit – nach Heinrich dem Löwen – der erste Machthaber, der sowohl westlich als auch östlich der schaumburg-mindischen Grenze Befehle erteilen konnte.

Um ein Haar wäre das NS-Modell sogar auf die Nachkriegszeit übertragen worden. Doch dann überlegten es sich die englischen Besatzer 1946 anders. Die Mittelwesergebirgsregion wurde erneut geteilt und die alte Trennungslinie – einschließlich einiger nach wie vor ungelöster Konfliktpunkte – „wiederbelebt“. Der vorläufig letzte Regulierungsversuch ging 1970 über die Bühne. Im Mittelpunkt stand die Bereinigung der komplizierten Verhältnisse in und um Frille. Grundlage des vor gut 40 Jahren unterzeichneten Staatsvertrags zwischen Niedersachsen und NRW war eine Einwohnerbefragung. Es war der bislang erste und einzige Versuch, die Menschen selbst über den Grenzverlauf entscheiden zu lassen.