Bewegte Geschichte

Die "Grafensteinerhöh": Träume von alter Grafenherrlichkeit und Radium-Therapie
Samstag, 6 Juli, 2013
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Rinteln

Von Wilhelm Gerntrup
Herzlich willkommen“ steht auf dem Eingang zum Hotel-Restaurant „Zur Grafensteinerhöh“ an der B238 zwischen Rinteln und Steinbergen. Die im Schaukasten ausgehängte Speisekarte verspricht ein vielfältiges Menü- und Getränke-Angebot. Wer einkehren möchte, muss sich beeilen. Besitzerin Inge Ott will den seit fast 80 Jahren von ihrer Familie bewirtschafteten Betrieb verkaufen. Vieles spricht dafür, dass dann eine der traditionsreichsten heimischen Gastronomie-Adressen für immer von der Bildfläche verschwindet.

Die Anfänge des in der Gemarkung Engern (heute Stadtteil von Rinteln) gelegenen Lokals reichen bis in die Anfangsjahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Auslöser des Baus war der rasant aufblühende Ausflugs- und Fremdenverkehr. Zu den beliebtesten Zielen gehörte das damals zum Fürstentum Schaumburg-Lippe gehörende Dorf Steinbergen. Die Kunde von der klaren, würzigen Luft und der mit plätschernden Bächen, schattigen Wäldern, Burgruinen, Mühlen, Teichen und einer gehörigen Portion Weserromantik gesegneten Landschaft sprachen sich immer weiter herum. Aus ganz Norddeutschland einschließlich Bremen, Hamburg und Berlin strömten jedes Jahr Scharen von „Sommerfrischlern“ herbei. Die Folge: Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatten im Dorf bereits mehr als ein Dutzend Schankwirtschaften und Pensionsbetriebe aufgemacht. Für einen weiteren Schub sorgte die 1901 fertiggestellte Bahnverbindung Rinteln-Stadthagen

Der Boom rief – neben etlichen anderen auswärtigen Investoren – auch eine Gruppe gut betuchter Leute im unmittelbar angrenzenden preußischen Kreis Rinteln auf den Plan. Man kam überein, an der Chaussee in Richtung Steinbergen direkt vor der Orts- und Landesgrenze eine „eigene“ Fremdenherberge zu bauen. Eigentümer des landschaftlich reizvollen, aber unwegsamen Geländes war der damalige Landrat Hans-Dietrich von Ditfurth. Als Grundstückskäufer und Bauherr des Projekts trat der Rintelner Uhrmachermeister Gustav Hillebrecht in Erscheinung. Und als Pächter und Betreiber des neuen Ausflugs- und Pensionsbetriebes hatte man den Gastwirt Hermann Schöttger ausgeguckt. Das Genehmigungsverfahren ging problemlos über die Bühne. Die Pläne sahen einen aufwendig und repräsentativ gestalteten Gebäudekomplex vor. Bedenken wegen der schwierigen Geländesituation (das Areal war von einer tiefen, morastigen Schlucht durchzogen) blieben unbeachtet. Zu den Befürwortern zählte laut Schaumburger Zeitung auch der einflussreiche Rintelner Verschönerungsverein. „Von dem Standpunkt aus, dem größten Verkehr möglichst viele schöne Punkte unserer Gegend heimisch zu machen, werden wir diese Anlage unterstützen“, heißt es in einer vom Vorsitzenden, Apotheker Hermann Opitz, abgefassten Stellungnahme. Auch gegen die in den Antragsformularen auftauchende Objektbezeichnung „Grafensteinerhöhe“ gab es keinerlei Einwände. Im Gegenteil. Sie kam so gut an, dass später selbst ausgewiesene Heimatforscher meinten, es habe an dieser Stelle einst tatsächlich einen mittelalterlichen Gerichtsplatz derer „zu Grafenstein“ gegeben. In Wahrheit war Bauherr Hillebrecht bei der Suche nach einem werbewirksamen Türschild durch einen in Rinteln gefundenen, mit auffälligen Wappenmustern verzierten Sandstein angeregt worden. Dass es sich bei den darauf eingravierten Symbolen um die Hoheitszeichen der Adelsfamilien von Westphalen und von Landsberg handelte, wusste er (noch) nicht. Er ließ den Quader – sozusagen als Beweisstück – in die Außenwand des Gebäudes einmauern. Auch sonst deutet weit und breit nichts auf eine bemerkenswerte Vorgeschichte hin. In den überlieferten Flurkarten wird die Gegend, die damals von Hillebrecht „Gravensteiner Höhe“ getauft wurde, als „Siek“ (niederdeutsch = sumpfige Niederung) ausgewiesen.

Über die wirtschaftliche Entwicklung des 1902 gestarteten Projekts geben die im Bückeburger Staatsarchiv lagernden Akten wenig her. Fest steht, dass es von Anfang an einen regen Austausch der Wirtsleute und später auch mehrere Besitzerwechsel gab. Hauptgrund dürften die Rückschläge im und nach dem Ersten Weltkrieg gewesen sein. Am längsten hielt (und hält es bis heute) die Familie der derzeitigen Inhaberin Inge Ott in dem stattlichen, unter Denkmalschutz stehenden Gebäude aus. Ihr Vater Wilhelm Schaper hatte das knapp 7000 Quadratmeter große Areal Mitte der 1930er Jahre aufgekauft.

Eine besonders spannende Phase erlebte das Unternehmen vor hundert Jahren. Bei der Suche nach neuen Einnahmequellen hatte man auch den Siek-Morast überprüfen lassen. Dabei wurden Spuren von Radium festgestellt. Das 1898 entdeckte Element hielt damals nicht nur die Wissenschaft in Atem. Zu den größten Publikumsrennern gehörten „Radium-Experimental-Vorträge“. „Es gab des Staunens kein Ende“, berichtete die Landes-Zeitung über eine derartige Veranstaltung im Herbst 1912 in Stadthagen. „Er (der Physiker Hermann Scheffler aus Dresden) ließ echte Diamanten im Dunkeln aufleuchten, durchleuchtete Hände und ließ den Glaskörper des geschlossenen Auges durch das Radium aufleuchten“.

Spätestens nach Bekanntwerden tatsächlicher und/oder vermeintlicher Heilerfolge im böhmischen Joachimsthal (heute Jáchymo) begann man sich darüber hinaus für die medizinische Nutzbarkeit des ungewöhnlichen Elements zu interessieren. Vor diesem Hintergrund schlug das Ende 1912 bekannt gewordenen Siek-Schlamm-Gutachten wie eine Bombe ein. Der Moorboden sei von „mehreren wissenschaftlichen Autoritäten und Gelehrten untersucht worden, und das Ergebnis war ein günstiges“, war in den heimischen Zeitungen zu lesen. Ein Gutachter habe sogar „das Radiummoorlager der Grafensteinerhöh den Heilmitteln der beiden Weltbäder Kreuznach und Baden-Baden gleichgestellt“.

Wenig später wurde bekannt gegeben, dass die Gründung einer mit einem Stammkapital von 350000 Reichsmark ausgestatteten Betreibergesellschaft in trockenen Tüchern sei. „Das für Sommer- und Winterbetrieb eingerichtete Kuretablissement soll im Jahre an 100 Gäste 12000 Verpflegungstage geben“. Die Aussichten seien günstig, „zumal wenn man in Betracht zieht, dass in Norddeutschland irgendwelche Radiummoorlager und Bäder bislang noch nicht vorhanden sind und Steinbergen mit seiner wundervollen Umgebung einen denkbar angenehmen Aufenthalt für seine Gäste bietet“.

Doch dann kam irgendwie und irgendwann Sand ins Getriebe, Ursache dürfte das heraufziehende Weltkriegsgetöse gewesen sein. Jedenfalls mussten die Grafensteinerhöh-Gäste – statt Radontherapie – weiterhin mit der schönen Landschaft und dem Blick ins Wesertal vorliebnehmen.

Foto: Postkarte
„Zur Grafensteinerhöh“ in der Anfangsphase – Postkarte aus dem Jahre 1906.