Auf der Waldinsel - (Der Bückeberg)

SONDERBERICHT Von faszinierenden Ungetümen und selbst gebauten Buden - Carl Battermann baut den riesigen Kran mit dem Märklin-Baukasten nach
Samstag, 4 August, 2012
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Schaumburger Nachrichten

Landkreis

Von Bernd Althammer
Bis zu 150 Menschen haben bisweilen auf dem Bückeberg gelebt. Sie wohnten in dem kleinen Ortsteil weitab der Stadt Obernkirchen, gingen dort ihrer Arbeit nach, sorgten für Kleintiere im Stall und kümmerten sich um die Früchte im Schrebergarten. Kinder fanden unendliche Spielmöglichkeiten. Nur mit einem Nachteil mussten sie leben: Der Schulweg war immens weit.

Carl Battermann ist zurückgekommen. Der heute 74-Jährige hat auf dem Bückeberg Kindheit und Jugendzeit verbracht. Jetzt zieht es den Bückeburger immer wieder einmal hinauf "auf den Berg", auf seine "Waldinsel", wo es heutzutage deutlich stiller ist als in jenen Vor- und Nachkriegsjahren. Battermann kennt dort oben jeden Weg und Winkel, weiß um die Historie hiesiger Häuser und um die Lebensgeschichte vieler Menschen. Er gab sich selbst nicht eher Ruhe, bis ein Buch über die "Bückeberger" entstanden war – in kleiner Auflage, weil es mit seinen vielen persönlichen Eindrücken eigentlich nur für Verwandte und Freunde bestimmt ist.

Aber Carl Battermann kann noch viel mehr erzählen, wenn er vor den Fassaden des heutigen Jugend-, Bildungs- und Freizeit-(jbf-)-Zentrums steht oder vor dem Grundstück des früheren Gasthauses Walter, wenn er über die große Rasenfläche streift, die früher einmal Steinhauerplatz gewesen ist, oder wenn er im Wald seine "Butze" aufsucht, deren Reste schon 60 Jahre überdauert haben.

Die Gebäude auf dem Berg

Vater Carl war von 1929 bis 1965 Betriebsleiter in den Sandsteinbrüchen. Eine Dienstwohnung stand im langen Wohnblock zur Verfügung, der im Volksmund nur "Sperlingslust" hieß. Warum, das weiß Battermann Junior heute auch nicht mehr so genau: Vielleicht weil sich die Vögel gern unterm Dach eingenistet hatten. Dass das große Verwaltungsgebäude nur "Millionenviertel" genannt wurde, lag auf der Hand. Dort befand sih die Verwaltung des Unternehmens. Die Direktoren hatten repräsentative Räume. Hinter der Gebäudeformation befand sich ein dritter Block: Der "Lange Jammer" mit seinen Arbeiterwohnungen wurde samt kleiner Stallgebäude, Steinmetzhütten und technischer Anlagen vom damaligen Landkreis Grafschaft Schaumburg 1974 gesprengt und abgetragen. Geblieben ist nur der ehemalige Lokschuppen, der heute als Gruppenraum dient und hinter dem Gäste Fußball spielen. Auch die Gastarbeiter-Unterkunft steht noch. Schon Ende des 19. Jahrhunderts waren die ersten vorwiegend aus Italien stammenden Kräfte angeworben worden.

Das älteste Gebäude in der kleinen Werkssiedlung ist jedoch das frühere Gasthaus Walter. Bereits 1870 wurde es errichtet als Schankwirtschaft für die Arbeiter in den mehreren damals noch ausgebeuteten Steinbrüchen auf dem Höhenzug sowie für die Bergleute in den Steinkohlegruben und die in der Forst beschäftigten Arbeiter. Martin Walter, früh pensionierter Gefängniswärter zog mit Frau und vier Kindern in die bis dahin unbewohnte "Wildnis". Der königliche Landrat in Rinteln erlaubte ihm zwei Gastzimmer; das bis heute erhaltene Wareneingangsbuch nennt vorwiegend Branntwein als beschafftes Getränk. Nebenbei unterhielt der Gastronom einen Fuhrbetrieb, der ihm 1883 zum Verhängnis wurde: In einer stürmischen Novembernacht verunglückte er tödlich. Sohn Philipp trat die Nachfolge an, den der Volksmund später den "Alten vom Berge" nannte; in dritter Generation war es von 1926 bis 1965 Reinhard Walter, der sogar mit dem Titel "Fürst vom Berge" geadelt wurde. Das Lokal hatte seine Blütezeit: Sonntags ging oder fuhr man "nach" oder "zu Walter". 1996 wurde das Gasthaus nach der vierten Wirtsgeneration verkauft: Es fand sich keine Nachfolge in der Familie.

Keinen Vergleich lässt das heute geradezu idyllische Ambiente des jbf-Zentrums mit den Gegebenheiten der fünfziger Jahre zu. Auf dem großen Gelände dominierten Staub und Lärm. Gleich hinter den Wohn- und Betriebsgebäuden befanden sich die Arbeitsplätze unter freiem Himmel oder in offenen Hütten. Die Grubenbahn brachte das Rohmaterial vom nahen Steinbruch. Die große Stein-Gattersäge kreischte dort, wo heute Gäste ihre Autos parken. Dort fand der Grobzuschnitt von Platten und Quadern statt.

Dann wurden die Stücke zurück auf den Steinhauerplatz gebracht. In dessen Mitte stand ein mächtiger Kran für die Be- und Entladung der Bahnwaggons und Lastwagen. Carl Battermann war von dem Ungetüm fasziniert: Mit seinem Märklin-Baukasten, so erinnert er sich, erstellte er ein Minimodell mit den gleichen technischen Funktionen samt kleinem Elektromotor. Was der Baukasten nicht hergab, lötete sich der jung Mann selbst zusammen – den Schwenkdrehkranz zum Beispiel aus dünnen Metallplatten. Das Modell steht immer noch auf seinem Dachboden, während das Original samt seiner es umgebenden Gebäude und Einrichtungen längst verschwunden ist.

Bis zu 200 Menschen bot der Steinbruch in besten Zeiten Beschäftigung. Viele von ihnen hatten keine lange Lebenserwartung. Steinstaub-Abzugsanlagen wurden erst in den fünfziger Jahren montiert. Oft erlebten die Steinhauer ihren 40. Geburtstag nicht mehr. Besser dran waren diejenigen, die täglich von Obernkirchen oder aus dem Auetal lungenfordernd bergauf zu ihrem Arbeitsplatz marschierten – bis zu fünf Kilometer durch dichten Wald.

"Butzen" auf Abraumhalden

Auch Carl Battermann und seine gleichaltrigen Kameraden hatten täglich weite Wege vor sich. Zur Schule mussten sie nach Obernkirchen, morgens zwar bergab, mittags jedoch beschwerlich bergan. Manchmal bot sich ihnen eine Mitfahrgelegenheit mit dem Postauto oder mit dem Steinbruchlaster. Carl fuhr wohl auch mit der Werksbahn mit, deren Schienen schon seit 1928 die Stadt mit der kleinen Siedlung auf dem Berg verband.

Nach den Hausaufgaben und in der Ferienzeit bot die weitläufige Umgebung der "Waldinsel" einen einzigen großen Spielplatz für die Kinder. "Der einzige Feind war nur der Förster", erinnert sich Battermann an manche Begegnungen. Natürlich bar die grüne Welt Gefahren: Munition aus der Kriegszeit, loses Geröll auf Abraumhalden, Waldbrand bei Trockenheit. Auf die Bäume klettern und "Butzen bauen" wurden zur Lieblingsbeschäftigung.

Zielstrebig verlässt Carl Battermann den Hauptweg. Er stapft durchs Gebüsch; trockene Zweige schlagen ins Gesicht; steil geht es einen Abhang hinab. Fast stolpert er über einen verrosteten Gegenstand: "Unser alter Ofen". Dann steht er vor einem windschiefen Etwas. Aber es ist noch als Rest einer Hütte zu erkennen – Seitenwände mit Fensteröffnungen, großen Stücken Dachpappe und einer kleinen Sitzbank. 1951 wurde die "Butze" vom damals 13-Jährigen mit seinen Freunden Berni und Klaus errichtet. Die Initialen samt Jahreszahl lassen sich noch auf einem Stück Sandstein entziffern, auf dem Carl seine ersten Meißelversuche unternommen hat. "Dass es das noch gibt", wundert er sich selbst ein bisschen über die Stabilität der alten Behausung. Hier hat er vor 61 Jahren in Karl-May-Büchern geschmökert und seine ganz persönliche Bergfreiheit genossen.

Wasserreichtum und Bodenschätze

(nah) Seit jeher ist der Bückeberg der ursprünglich "Hart" genannt worden ist, für die hier lebenden Menschen von Bedeutung gewesen. Der rund 20 Kilometer lange Höhenzug zwischen Beckesdorf und Bad Eilsen hat an der nahe des heutigen jbf-Zentrum gelegenen "Diebischen Ecke" mit 367 Metern seinen höchsten Punkt. Der Name lässt auf Schmuggleraktivitäten schließen: Dort stießen die einst hessische Grafschaft Schaumburg und das Fürstentum Schaumburg-Lippe in unwegsamem Gelände aneinander.

Der Wasserreichtum der nach Süden steil abfallenden Bergkette ist vor allem für die nach Norden angrenzenden Gebiete von wichtiger Bedeutung. Mindestens seit dem 16. Jahrhundert wurde für rund 400 Jahre Kohle abgebaut. Dokumentiert sind ebenfalls für die Nordseite Glashütten.

Die älteste Urkunde über die Steinhauerzunft datiert von 1597. Etliche größere und kleinere Brüche in privatem Besitz sind früher ausgebeutet worden. Erst seit 1872 gibt es nur noch ein einziges Unternehmen. "Obernkirchener Sandstein" oder wegen seines dortigen Umschlags nach Übersee auch "Bremer Stein" genannt, ziert etliche markante Gebäude in aller Welt.

Lokale Bekanntheit errang der Bückeberg in den dreißiger Jahren durch die "Jahn-Turnfeste". Dafür wurden auf dem "Schütt" direkt gegenüber dem Gasthaus Walter eine Laufstrecke angelegt sowie weitere Flächen für andere Disziplinen planiert. 1930 entstand ein steinerner Tisch an einem direkt dem Lokal gegenüber gelegenen Aussichtspunkt. Heute ist das Panorama leider durch hochgewachsene Bäume versperrt. Der Urur-Enkel des Gasthaus-Gründers, Stephan Walter, stiftete in 2000 im Beisein des damaligen Landrats Heinz-Gerhard Schöttelndreier einen Fahnenmast und pflanzte eine Eiche anlässlich des 130-jährigen Bestehens des Traditionslokals.

Eine Weile hatte es beim Bückeberg Streit um einen kleinen Buchstaben gegeben: In vielen Karten und Schriften wurde der Höhenzug nur noch als "Bückeberge" ausgewiesen. Das befand sich im Widerspruch zur "Preußischen Landesaufnahme" von 1899, mit der der Historiker Stephan Walter bei der niedersächsischen Landesvermessung auf eine Korrektur drängte. Warum das "e" lange Zeit den hiesigen Namen ergänzte, könnte der Verwechslungsgefahr mit dem Bückeberg nahe Hameln geschuldet sein. Dieser hatte sich bei mehreren "Reichserntedankfesten" in den dreißiger Jahren zu einem staatlich geförderten Ziel von Besucherströmen entwickelt. Noch heute verirren sich dem Vernehmen nach gelegentlich Besucher auf den Schaumburger Bückeberg, obwohl sie eigentlich die namensgleiche Erhebung im Wesertal aufsuchen wollten.

Trotz des vielfach beklagten weiterhin geschlossenen Ausflugslokals ist der Bückeberg beliebtes Ziel für Wanderer im Sommer und Skilangläufer im Winter geblieben. Eine neue Attraktion ist gerade im großen Sandsteinbruch zu finden. Dort wurden Tausende von Saurierspuren entdeckt, die selbst Wissenschaftler schon zur Bezeichnung "Hühnerhof" veranlassten. Ein gut vier Kilometer langer Lehrpfad bietet viele Informationen.

Foto: nah
Heute Gelände des jbf-Zentrums: der Steinhauerplatz in den fünfziger Jahren