Auf den Spuren der "Barfüßler"

SONDERBERICHT Die Herren von der Schaumburg und ihre Franziskaner
Samstag, 13 April, 2013
erschienen in: 
Schaumburger Zeitung

Schaumburg

VON WILHELM GERNTRUP
Der „Neue“ im Vatikan sorgt für Aufsehen. Innerhalb weniger Wochen ist Papst Franziskus zum viel umjubelten Hoffnungsträger geworden. Schon die Namenswahl hat aufhorchen lassen. Die Berufung auf Franz von Assisi (1181/82- 1226) wird als Hinwendung und „Rückbesinnung“ der katholischen Amtskirche auf die Hilfsbedürftigen und Benachteiligten dieser Welt gedeutet – ganz so, wie es der legendäre italienische Heilige vor 800 Jahren vorgelebt und dadurch das Denken und Handeln jener Zeit nachhaltig beeinflusst hatte: Armut und Verzicht waren Gott wohlgefällig.

Die Reichen und Mächtigen kamen nur in den Himmel, wenn sie losließen und abgaben. Je größer die Spende, umso höher die Chance aufs ewige Seelenheil.

Eine wichtige Rolle bei dieser Art von „Vermögenstransfer“ spielten die sich seit dem 13. Jahrhundert rasant ausbreitenden Bettelorden. Zu den bekanntesten gehörten und gehören Dominikaner, Franziskaner und Karmeliten. Schaumburg war eine Hochburg der nach ihrem Vorbild und Ordensgründer benannten „Franziskanern“. Ihr Mittel- und Ausgangspunkt war ein 1486 von dem damaligen Landesherrn Graf Erich (1420-1495) in Stadthagen gestiftetes und 14 Jahre später fertiggestelltes Kloster. Die von dort aus umherziehenden Mönche werden in den meisten zeitgenössischen Berichten wegen ihres offenbar armseligen Outfits als „Barfüßler“ bezeichnet.

Bei Betrachtung der historischen Hintergründe und Zusammenhänge wird deutlich, welch großen Einfluss die päpstliche Glaubens- und Heilslehre und das „Armutsgebot“ des Franz von Assisi damals auch und vor allem hierzulande hatten. Der Franziskanerorden genoss über Jahrhunderte hinweg nicht nur den Schutz, sondern auch das nahezu uneingeschränkte Wohlwollen der Herren von der Schaumburg, zu deren Herrschaftsbereich seit 1110 bekanntlich nicht nur die heimischen Stammlande, sondern auch große Teile des heutigen Schleswig-Holstein gehörten.

Ein besonders glühender Franziskaner-Förderer muss der bereits 200 Jahre vor Erich lebende Adolf IV. (vor 1205 - 1261) gewesen sein. Der als äußerst tatkräftig und durchsetzungsfähig geltende Herrscher hatte während der ersten 20 Jahre seiner Regentschaft zahllose Gefechte zur Rückeroberung und Festigung des zurzeit seines Vorgängers verloren gegangenen holsteinischen Territoriums austragen müssen. Sein größter Erfolg war der Sieg in der historischen Schlacht bei Bornhöved am 22. Juli 1227 gegen die Dänen.
Zwischendurch hatte er die Städte Rinteln, Stadthagen, Kiel, Itzehoe und Oldenburg/Holstein gegründet. Nach einem letzten, zwei Jahre andauernden Waffengang im baltischen „Livland“ (Lettland/Estland) 1238/39 vollzog er einen radikalen Neuanfang.

Der Ehemann und Vater von vier Kindern legte Schwert, Rüstung und Regierungszepter beiseite und startete ein Mönchs- und Priesterleben. Zunächst zog er sich in das von ihm nach der Bornhöved-Schlacht gestiftete Franziskanerkloster am Hamburger Alsterufer zurück. Später wechselte er – für die die letzten 20 Jahre seines Lebens – in das ebenfalls von ihm in seiner Wahlheimatstadt Kiel gegründete Franziskanerkloster über. Ehefrau Heilwig wurde Nonne und ging in ein im heutigen Hamburger Stadtteil Harvestehude gelegenes Zisterzienserinnenkloster.

Die durch Reformation und Aufklärung „geläuterte“ Nachwelt konnte sich so einen radikalen Wandel vom Macher zum Büßer nur als Folge einer wundersamen Fügung und Himmelserscheinung vorstellen. Es entstanden zahllose Legenden. Nach einer besonders oft zu hörenden Geschichte soll der Graf während der Schlacht bei Bornhöved in militärisch hoffnungsloser Lage Gott um Beistand angefleht und bei einem glücklichen Ausgang des Kampfes ein Dasein als Gottesdiener geschworen haben.

Über das Leben und Treiben des anfangs erwähnten, ebenfalls als Franziskanerkloster-Gründer in die Geschichte eingegangenen Landesherrn Erich ist wenig bekannt. „Erich der 2. Graff zu Holstein Schawenburg stifftet das barfüsser Closter zum Stadthagen. Item das Süsterhaus („Schwesternhaus“ – Frauenkonvent) zu Oldendorff, zog mit einem Krieges Volck in das Fürstenthumb Braunschweig, verstörte und vebrannte dasselbige und legte sich darnach nieder und starb und wardt zu Stadthagen im Barfüsser Closter vergraben“, fasste der Historiker Cyriacus Spangenberg (1528-1604) das irdische Dasein Erichs in dem Buch „Chronicon und historische Beschreibung der löblichen alten Graffschaft Schaumburg“ zusammen.

Auch über das Zustandekommen der Klosterstiftung und den Arbeitsalltag der in dem Komplex lebenden Mönche geben die vorliegenden Quellen nicht viel her. Zu den Aufgaben der Insassen dürften, wie andernorts auch, neben dem Einsammeln von Almosen vor allem seelsorgerische, handwerkliche und – je nach Ausbildungsstand und Interessenlage – auch wissenschaftliche Tätigkeiten gehört haben. Es gab eine gut sortierte Büchersammlung.

Heute deuten nur noch die baulichen Überreste der Stadthäger Anlage auf das einstige, gerademal knapp 80 Jahre andauernde Leben von Franziskanern in Schaumburg und die Bedeutung der von diesen verkörperten Glaubensthesen hin.

Nach Einführung der Reformation (1559) war die Anwesenheit der Barfüßler nicht mehr gefragt. Anfang des 17. Jahrhunderts brachte der 1601 an die Macht gekommene Graf Ernst dort das neu aus der Taufe gehobene Akademische Gymnasium unter. Nach dessen Verlagerung nach Rinteln im Jahre 1621 blieb der Komplex mehr als hundert Jahre lang ungenutzt. Das Gros der Gebäude verfiel und diente der Stadt und den Stadthägern als Steinbruch.

Neues Leben kehrte erst 1732 wieder ein. Der schaumburg-lippische Graf Albrecht Wolfgang überließ das Anwesen der örtlichen evangelisch-reformierten Gemeinde. Da die Kirche für die kleine Glaubensgemeinschaft zu groß und ohnehin baufällig war, wurde der Bau mit Ausnahme des Chorraums abgerissen. Das Gros der einstigen Klosterbibliothek wird heute im Staatsarchiv Bückeburg aufbewahrt.

Foto:
Ordensgründer Franziskus von Assisi (Tafelbild des im 13. Jahrhundert lebenden italienischen Malers Guido di Graziano). Rechts: Adolf IV. von Holstein und Schaumburg war der wohl größte hiesige Freund und Förderer des Franziskanerordens